Rezension: »Am Ende aller Zeiten« von Adrian J. Walker

Wie weit würdest du gehen … für die, die du liebst?

Adrian J Walker hat mit ›Am Ende aller Zeiten‹ einen postapokalyptischen Roman geschrieben, in dem ein ganz normaler Familienvater vor die größte Herausforderung seines Lebens gestellt wird.

Edgar Hill ist Mitte dreißig, und er hat sein Leben gründlich satt. Unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer, fragt er sich vor allem eins: Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer verwüstet die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?

Edgar und seine Familie werden während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er 500 Meilen weit laufen, durch ein zerstörtes Land und über die verbrannte Erde, von Edinburgh nach Cornwall. Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.
(Cover-, Text- und Zitatrecht: Fischer Tor Verlag)

Meine Meinung

Edgar –  Flasche oder Held der Apokalypse?

Edgar ist unzufrieden. Er nörgelt. Seine Kinder sind anstrengend. Er beschwert sich, dass er langsam aber sicher aus der Form gerät und in seiner Beziehung ist er auch nicht hundert Prozent zufrieden.

Doch dann kommen die Asteroiden und mir nichts dir nichts wird Edgars – bis dahin sehr langweiliges – Leben umgekrempelt. Als die ersten Anzeichen der Apokalypse nahen, läuft Edgar los und besorgt Hals über Kopf noch einige lebenswichtige Utensilien, Lebensmittel und Wasser. Anschließend scheucht er seine Familie in den Keller um die Katastrophe zu überstehen. Edgar, seine Frau und die beiden Kinder müssen ein paar Wochen im stickigen Keller ausharren bis sie es endlich wagen an die Luft zu treten.

In diesen Wochen, eingesperrt auf engstem Raum muss Edgar eine harte Geduldsprobe überstehen. Er zweifelt und manchmal wünscht er sich sogar das Ende herbei. Doch dies ist erst der Anfang. Im Verlauf der Geschehnisse wird Edgar von seiner Familie getrennt und er steht vor der Wahl: Er muss 500 Meilen zu Fuß zurück legen um seine Familie möglicherweise wieder zu finden, oder soll er direkt aufgeben? Natürlich entschließt er sich dazu los zu laufen, sonst wäre die Geschichte recht schnell zu ende.

Ab hier beginnt eine Veränderung in Edgar und man fragt sich worauf läuft dies hinaus? Entwickelt sich Edgar vom lustlosen Vater, vom lieblosen Ehemann, von dem Mann der keinen Sport macht und stattdessen zu viel Bier trinkt zum Superdad, zum Ehemann des Jahres und ganz nebenbei entwickelt sich seine körperliche Konstitution exponentiell, vergleichbar mit Käpt’n America im Tank? Zum Glück nicht.

Edgars Veränderung geschieht langsam. Erst als er seine Familie verliert, erkennt er, dass es im Grunde nichts Wichtigeres gibt für ihn und er läuft los. Doch seine mangelnde Fitness und allerhand skurrile Gestalten, stellen sich ihm in den Weg.

Edgar ist kein Charakter, mit dem man mitfiebert weil er so sympathisch oder nett ist, er ist eher interessant weil er zugibt nicht perfekt zu sein und im Gegenteil wirklich unsympathisch ist zweitweise.

Die Apokalypse

Ich persönlich bin immer ein Fan von apokalyptischen, postapokalyptischen oder dystopischen Szenarien egal ob Zombies, Viren, Asteroiden, Monster, oder Aliens ihre Finger im Spiel haben. Asteroiden sind sicher keine neue, außergewöhnliche Idee für eine apokalyptische Geschichte, doch „Am Ende aller Zeiten“ hat mir sehr gut gefallen, weil man als Leser völlig ahnungslos in die Geschichte stolpert. Man erfährt nur das was Edgar weiß. Es gibt keinen allwissenden Erzähler oder Sprünge zu anderen Perspektiven. Alles was Edgar weiß ist wie seine eigene Lage aussieht. Gibt es noch eine Regierung? Wer sind diese ominösen Hilfskräfte, die eine Evakuierung planen? Man weiß es einfach nicht, doch die Ungewissheit macht es auch spannend.

Mir hat das Szenario sehr gut gefallen. Der Asteroideneinschlag ist absolut plötzlich gekommen, scheinbar niemand konnte sich vorbereiten. Die Kluft zwischen Mensch und Tier wird immer schmaler, das Leben wird von der einen auf die andere Sekunde umgekrempelt. Sitten, Regeln, Gesetze sind nicht mehr von Bedeutung wenn es ums Überleben geht. Der Trieb zu überleben ist wahnsinnig stark und diese Atmosphäre von Angst und Unsicherheit auf der einen Seite und starker tierischer Triebe zu überleben auf der anderen Seite wird sehr ausdrucksvoll rüber gebracht.

Joggen

Wer den Klappentext gelesen hat, und das Cover genau betrachtet hat, dem ist aufgefallen, dass Joggen / Laufen / Rennen eine wichtige Rolle spielt: Denn es wollen 500 Meilen überwunden werden. Einige dürfte es aber dann doch überrascht haben wie intensiv sich das Buch mit dem Thema Laufen, insbesondere lange Strecken laufen (wie z.B. einen Marathon) auseinander setzt. Es war sehr sehr spannend die Perspektive eines Läufers zu erleben. Welche körperlichen Hindernisse auftreten, aber auch welche Rolle die Psyche spielt. Der Wille durchzuhalten scheint sehr wichtig zu sein und auch Edgar kämpft ein ums andere Mal damit einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Fazit

»Am Ende aller Zeiten« hat mich überzeugt. Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich, wenngleich sich Edgars Reise durch die gesamte Geschichte zieht. Mich hat insbesondere die Perspektive des Läufers sehr interessiert, aber auch die vielen spannenden, vielfältigen Charaktere die Edgar helfen oder sich ihm in den Weg stellen machen das Buch sehr spannend. Ich würde das Buch nicht als absolut fesselnd beschreiben, aber es hat dennoch einen konstanten Spannungsbogen. Mich persönlich hat die Geschichte, das Cover, die Charaktere sehr fasziniert.

Details:

„Am Ende aller Zeiten“ – Adrian J. Walker

Fischer Tor Verlag – 25.08.2016

Paperback 14,99€

Verlagsseite →

©alienicious 2020


Hinweise:

Das rezensierte Buch habe ich vor einiger Zeit in einer Lovelybooks Verlosung gewonnen. Dies beeinflusst nicht meine hier dargstellte Meinung.

Wishlist Update – August

Monat für Monat setze ich mich hin und stöbere mich durch die Seiten der Verlage und schaue was es Neues gibt, oder auch was ich bislang übersehen habe: so erweitert sich mein Wunschzettel und die Liste der Bücher, die ich dringend noch Lesen möchte stetig!

Dies ist also keine Statistik , welche Bücher ich bereits gelesen habe sondern eine reine Wunschliste, damit ich nichts vergesse. :)

Im August stürze ich mich auf die Bücher aus dem Heyne Verlag und bin auf folgende aufmerksam geworden:

#1 – Einmal Stalking gefällig?!

„Die Nachbarin“ von Carlone Corcoran.

SIE KANN DICH HÖREN. SIE KANN DICH SEHEN. SIE KANN SICH NEHMEN, WAS DIR GEHÖRT.

In Lexies Leben scheint alles perfekt: Sie liebt ihren Freund Tom, die beiden planen eine Familie, und sie wohnen in einem eleganten Apartment mitten in London, das keine Wünsche offen lässt. Doch Lexies Idylle trügt. Wenn sie allein ist, lauscht sie den Geräuschen aus der Nachbarwohnung. Und stellt sich dabei das mondäne Leben ihrer Nachbarin vor …

Harriet führt ein ausschweifendes Leben voller wilder Partys, ihr Leben ist ein Abenteuer. Nur selten gesteht sie sich ein, wie unglücklich sie in Wahrheit ist. Sie wünscht sich einen Freund wie Tom. Sie möchte das Leben ihrer Nachbarin Lexie. Und sie ist bereit, alles zu tun, damit dieses Leben ihr gehört …
(Cover und Zitat: Heyne  // Zur Verlagsseite →)

#2 – Erst Brexit, dann Mauer:

Ein Roman, der sich furchtbar übel und düster und ebenso spannend anhört:

Großbritannien ist von einer hohen Mauer umgeben. Joseph Kavanagh gehört zu jener Gruppe von jungen Menschen, die sie gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch: Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer – und somit dem sicheren Tod – übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie. Mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Für ein Leben hinter der Mauer sind sie zu allem bereit.
(Cover und Zitat: Heyne  // Zur Verlagsseite →)

#3 Psychopath gesucht!

Die Serie um die Ermittlerin Jude Fontaine von der Autorin Anne Frasier. Der Auftakt ist „Ich bin nicht tot“ und ist 2017 erschienen. Band 2 ist 2019 erschienen und Band 3 wird im Juni 2021 erscheinen.

Sein Gesicht zu lesen war ihre gesamte Existenz
Drei Jahre lang wurde Detective Jude Fontaine von der Außenwelt ferngehalten. Eingesperrt in einer unterirdischen Zelle hatte sie zu niemandem Kontakt außer ihrem sadistischen Entführer. Nach ihrer Flucht bleibt ihr nur ein unstillbares Verlangen nach Gerechtigkeit. Obwohl ihre Kollegen an ihrer psychischen Gesundheit zweifeln, nimmt sie ihre Arbeit in der Mordkommission wieder auf. Ihr neuer Partner, Detective Uriah Ashby, traut ihrer Zurechnungsfähigkeit nicht, doch ein Killer ist unterwegs und ermordet junge Frauen. Die Detectives haben keine Wahl: Sie müssen zusammenarbeiten, um den Psychopathen zu stellen, bevor er sein nächstes Opfer findet. Und niemand kennt sich mit Psychopathen so gut aus wie Jude Fontaine …(Cover und Zitat: Heyne  // Zur Verlagsseite →)

#4 Aus der Feder des „Meister des Schreckens“

Wie der Heyne Verlag ihn nennt… Natürlich ist die Rede von Stephen King! Ich muss zugeben mich hat das Cover von „Mind Control“ erst auf die Reihe aufmerksam gemacht. Es ist super schön und zugleich macht es mich total neugierig auf die Geschichte. Aber vorne angefangen: Das erste Buch der Reihe heißt „Mr. Mercedes“:

Schneller, gefährlicher, tödlicher – Mr. Mercedes

Ein Mercedes S 600 – »zwei Tonnen deutsche Ingenieurskunst« – rast in eine Menschenmenge. Es gibt viele Todesopfer, der Fahrer entkommt. Der Wagen wird später gefunden. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Clownsmaske, das Lenkrad ziert ein grinsender Smiley. Monate später meldet sich der Massenmörder und droht ein Inferno mit Tausenden Opfern an. Stephen King, der Meister des Schreckens, verschafft uns in Mr. Mercedes beunruhigende Einblicke in den Geist eines besessenen Mörders bar jeglichen Gewissens.
(Cover und Zitat: Heyne  // Zur Verlagsseite →)

 

#5 – Mord in Endlosschleife

Zuletzt habe ich ein Buch auf meine Wunschliste gesetzt, das mich durch seine besondere Erzählweise für sich eingenommen hat:

Tag für Tag wird sich Evelyn Hardcastles mysteriöser Tod wiederholen – so lange, bis der Mörder endlich gefasst ist.
Familie Hardcastle lädt zu einem Ball auf ihr Anwesen Blackheath. Alle Gäste amüsieren sich, bis ein fataler Pistolenschuss die ausgelassene Feier beendet. Evelyn Hardcastle, die Tochter des Hauses, wird tot aufgefunden. Unter den Gästen befindet sich auch Aiden Bishop. Ihn hat am selben Tag eine seltsame Nachricht erreicht: »Heute Abend wird jemand ermordet werden. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.« Tatsächlich wird Evelyn nicht nur ein Mal sterben. Bis der Mörder entlarvt ist, wiederholt sich der dramatische Tag in Endlosschleife. Doch damit nicht genug: Immer, wenn ein neuer Tag anbricht, erwacht Aiden im Körper eines anderen Gastes und muss das Geflecht aus Feind und Freund neu entwirren. Jemand will ihn mit allen Mitteln davon abhalten, Blackheath jemals wieder zu verlassen.
(Cover und Zitat: Heyne  // Zur Verlagsseite →)

Rezension: „Trophäe“ von Steffen Jacobsen

Elisabeth Caspersen, steinreiche Erbin eines dänischen Industrieimperiums, findet im Tresor ihres verstorbenen Vaters einen Film, der eine grauenvolle Menschenjagd zeigt. Einer der im Film zu sehenden Jäger hat unverkennbare Ähnlichkeit mit Elisabeths Vater. Um der Sache nachzugehen, heuert sie Michael Sander an, einen exklusiven Privatdetektiv, der auf brisante Fälle spezialisiert ist. Als Sander sich auf die Suche nach der Identität der Opfer macht, stößt er auf eine perfide Welt aus Gewalt und Größenwahn, in der er bald selbst zum Gejagten wird. (Cover und Text: Random House, Heyne Verlag →)

Meine Meinung

Ich habe das Buch als Hörbuch gehört. „Trophäe“ ist der Auftakt der Reihe „Ein Fall für Lene Jensen und Michael Sander“ vom Autor Steffen Jacobsen. Das Buch ist im Original auf Dänisch erschienen.

Michael Sander, professioneller Detektiv mit Herz

Michael ist ein kluger Kopf, der sich nach seiner Militärlaufbahn für private Sicherheit und „Schnüffelei“ entschieden hat. Er ist clever und hat ein außergewöhnliches Gespür für seine Fälle und das lässt er sich auch großzügig von seinen ausgewählten Klienten bezahlen. Trotz außergewöhnlicher Fähigkeiten ist er ein bodenständiger Charakter, der seine Familie liebt und kein glatt gebügelter Action-Held der vor übermenschlicher Zähigkeit strotzt.

Michael wird von Elisabeth Caspersen engagiert, die im Nachlass ihres Vaters eine beunruhige Entdeckung gemacht hat: Eine DVD die darauf hindeutet, dass ihr Vater in eine grausame Menschenjagd verstrickt war. Michael macht sich auf die Suche nach den Mittätern und den namenlosen Opfern und wird in ein kompliziertes Geflecht aus Motiven, Beziehungen und Verbrechen hineingezogen: Wo liegt die Verbindung zwischen einem ehemaligen Soldaten der Selbstmord begangen hat, einer Menschenjagt auf Film gebannt und den milliardenschweren Familien Elisabeth Caspersens und deren Vaters Companion?

Lene Jensen, Ermittlerin und starker weiblicher Charakter

Während Michael im ersten Handlungsstrang auf Elisabeth Caspersen trifft, tritt Lene Jensen, Mordermittlerin, im zweiten auf den Plan. Sie untersucht den benannten Selbstmord, bei dem einige Ungereimtheiten auftreten: Ein ehemaliger Elite-Soldat, der mehrere Auslandseinsätze überstanden hat, der psychisch belastet, aber auf dem Weg der Heilung war, erhängt sich am Morgen nach seiner Hochzeit. Kann das ein Selbstmord gewesen sein? Oder steckt etwas ganz anderes, düsteres dahinter?

Lene ist eine zuweilen barsche, aber sehr zielstrebige Frau, die für ihren Beruf lebt. Neben der Arbeit ist ihre Tochter der Mittelpunkt ihrer Welt. Und ihr baldiges flügge werden macht ihr zu schaffen. Als ihr Fall eine rabiate Wendung nimmt, die sie in ganz grausamer Weise betrifft wendet sie sich von den offiziellen Methoden ab und arbeitet mit Michael zusammen. ein gemeinsames Interesse verbindet sie.

Eine ganz besondere Atmosphäre erhält der Thriller durch seine skandinavische Art. Ich empfinde skandinavische Thriller immer als düster, explizit und mit Charakteren, die besondere Merkmale haben, aber nicht die aalglatten Schönlinge sind, wie man sie aus amerikanischen Thrillern kennt.

Fazit

Die Handlung baut sich über mehrere Stränge auf, im einen wird Michael engagiert, im anderen ermittelt Lene. Beide Charaktere sind für sich ganz authentisch, wobei Michaels undurchsichtige Vergangenheit viele Fragen aufwirft. Die schließlich gemeinsame Suche nach den Jägern entwickelt sich zu einer zuweilen mit blutigen Details gespickte jagt. Die Geschichte ist spannend, abwechslungsreich und voller Wendungen: Mal haben Michael und Lene die Oberhand, doch im nächsten Moment zerrinnt ihnen alles zwischen den Fingern, als die Wahrheit über ihnen hereinbricht.

Ein komplexer Thriller mit spannenden Charakteren und unvorhersehbarem Ende! Die Geschichte hat mich sehr gut unterhalten und ich widme mich direkt dem nächsten Band der Reihe. :)

 

Details:

„Trophäe“ – Steffen Jacobsen

Random House, Heyne Verlag – 10.11.2014

Taschenbuch € 9,99

Hörbuch im Audible-Abo 13.12.2018 – € 9,95

Verlagsseite →

©alienicious 2020


Hinweise:

Das rezensierte Buch habe ich selbst als Hörbuch bei Audible erworben.

Rezension: „Siren“ von Kiera Cass

Kahlens Familie kommt bei einem Schiffsunglück ums Leben. Sie selbst wird als Einzige gerettet – von drei betörenden jungen Frauen: Sirenen. Wunderschön und unsterblich. Von nun an ist Kahlen eine von ihnen. Scheinbar ein ganz normales Mädchen, doch ihr Leben gehört dem Meer. Jeder Mensch, der ihre Stimme hört, muss sterben. Und so schweigt sie. Bis sie Akinli begegnet, einem jungen Studenten, der Kahlen auch völlig ohne Worte versteht. Nach nur wenigen Stunden haben nicht nur ihre Herzen, sondern auch ihre Seelen zu einander gefunden. Und als Akinli schwer erkrankt, droht auch der eigentlich unsterblichen Kahlen der Tod. (Cover und Text: Fischer Verlag →)

Meine Meinung

Siren ist ein Roman voller junger weiblicher Protagonistinnen, einer zarten Liebesgeschichte und einer Menge Tragik und Verderben. Vorab möchte ich sagen, dass ich die Geschichte in ihrer Idee super schön fand, in der Umsetzung hatte die Geschichte für mich allerdings Lücken was die Motive der Figuren angeht.

Prolog (Seite 5) – erster Satz

Schon seltsam, woran man festhält, was einem im Gedächtnis bleibt, wenn alles endet.

Vorgeschichte

Kahlen, die Protagonistin, wird in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Sirene. Sie ist mit ihren Eltern auf einer Seeüberfahrt, als ein Unwetter über sie herein bricht und ein mysteriöser Gesang die Menschen über Bord lockt. Nur sie wird vor die Wahl gestellt: Sterben oder als Sirene weiterleben. Kahlen wird von der See gerettet und nach 80 Jahren in ihrem Dienst erhalten wir einen Einblick in ihr Leben.

Sirenen, mythische Fabelwesen

Der Roman hat mich eingangs angesprochen weil ich mythische Fabelwesen total spannend finde. Besonders wenn diese mythischen Kreaturen in einen modernen Kontext gesteckt werden. Ursprünglich kommen die Sirenen aus der griechischen Mythologie. Wikipedia beschreibt Sirenen wie folgt:
Eine Sirene […] ist in der griechischen Mythologie ein meist weibliches, […] Fabelwesen (Mischwesen aus ursprünglich Mensch und Vogel […]), das durch seinen betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten. (Quelle: Wikipedia → ).

Kiera Cass‘ Interpretation der mythischen Wesen sind junge Frauen, die von der See in Sirenen verwandelt werden und ihr 100 Jahre dienen müssen. Die See wird hierbei als anthropomorphes Wesen dargestellt, mit Gefühlen und Motiven. Aber dazu später mehr. Die Sirenen, wunderschön und tödlich, singen für die See und locken so Besatzungen von Fischerbooten und Kreuzfahrten in die dunklen Wellen der Ozeane und den Tod im kalten Wasser.

Die See und ihre Sklaven

Die See wird in „Siren“ als ein anthropomorphes Wesen mit eigener Intelligenz, mit eigenen Emotionen und einer eigenen Agenda dargestellt. Soweit so spannend. Sie kann alles beherrschen, was auch nur in ihre Nähe kommt und fordert von ihren Sirenen Opfer ein. Die Prämisse ist: sie sucht sich junge Frauen, die sie verwandelt. Nach der Verwandlung verlieren die Frauen nach und nach ihre Erinnerung an ihr altes Leben und können nun schwimmen wie Fische, unter Wasser atmen, ihr tödliches und wunderschönes Lied singen und ihr Alterungsprozess setzt für 100 Jahre aus. Ihre Stimme ist nun ein tödliches Instrument. Um ihre Identitäten und die Menschen um sich herum zu schützen sind sie in deren Anwesenheit zum Stillschweigen verdammt. Im Gegenzug für Stärke, lange Jugend und ein ungebundenes, aufregendes Leben ist die Aufgabe der Sirenen für die See zu singen, um so Opfer in den Tod zu locken. Nach einhundert Jahren (der Versklavung) werden die jungen Frauen in Menschen zurückverwandelt, verlieren wiederum ihre Erinnerung an das Sirenen-Leben und altern ab dem Zeitpunkt wieder ganz normal. (Komplizierte Sache!)

Die undurchsichtigen Motive

Und da kommen wir zu meinem persönlichen Knackpunkt: Wie beschrieben fehlt mir die Basis warum die See Opfer fordert und somit ist mir das ganze Buch über nicht klar geworden warum die Mädchen der See gehorchen sollten. Es gibt keine Erklärung warum die Mädchen zu Massenmörderinnen werden sollten, außer ihr eigenes Leben zu schützen. Natürlich ist der eigene Überlebensinstinkt eine starke Triebfeder, jedoch sind 100 Jahre lang von der See versklavt zu werden und tausende von Menschen zu töten, gute Gründe sich der See entgegen zu setzen. Darüber hinaus haben die Mädchen, manche mehr manche weniger, sogar wohlige bis liebevolle Gefühle der See gegenüber. Sie wird mit der Rolle einer Mutter verglichen. Für mich wird hier ein Bild von völlig naiven Mädchen gezeichnet, die für lange Jugend und ein aufregendes Leben tausende Tode akzeptieren, oder die einer völligen Gehirnwäsche unterzogen wurden.

Kapitel 18 (Seite 221) – Die See spricht zu Kahlen

[Die See:] Denkst du, ich genieße es zu töten?
[Kahlen:] Ich hob den Kopf. Was?
[Die See:] Es bereitet mir keine Freude, dich zu bestrafen oder Menschen das Leben zu nehmen. Ich tue, was ich muss, um zu überleben. Ich würde nicht nur kein Vergnügen an deinem Tod finden, ich würde um dich trauern. Nach all der Zeit musst du doch wissen, wie viel du mir bedeutest.

In diesem Zitat spricht die See zu Kahlen, weil diese sich ihren Befehlen widersetzt hat. Sie macht Kahlen ein schlechtes Gewissen, beteuert ihr sogar ihre Zuneigung, und dass sie eigentlich gar nichts dafür kann. Sie muss schließlich überleben! Doch wieder wird kein Grund angegeben warum die Toten der See das Überleben garantieren? Frisst sie die Menschen als Nahrung? Keine Ahnung, es wird nichts darüber gesagt wie beides zusammenhängen soll! Die Natur der See als Wesen mit Bewusstsein wird nicht soweit erklärt, dass es einen nachvollziehbaren Grund gibt, warum hunderte Menschenopfer pro Jahr nötig sind.

Selbstjustiz

Und reichen diese vielen Toten noch nicht aus, die sie ohne sich gegen die See zu stellen opfern, werden die Mädchen nun auch noch abseits der See zu eiskalten Mörderinnen, als sie die Familie einer ihrer Sirenen töten. Die Familie der Sirene, hat das Mädchen in ihrem früheren Leben misshandelt. So wird neben Massenmord, auch Selbstjustiz als Mittel der Wahl vorgeschlagen. (Ohne sagen zu wollen dass Misshandlung nicht bestrafenswert ist, nur sollte dies eben durch rechtsstaatliche Mittel und Wege geschehen.) Insgesamt fand ich diesen Handlungsstrang etwas plump.

Versönliches: Kahlens innerer Kampf und eine zarte Liebesgeschichte

Nachdem ich jetzt berichtet habe welche Motive die See verfolgt, steht dem entgegen Kahlens innerer Kampf. Sie ist ein sehr zwiespältiger Charakter. Auf der einen Seite zieht sie ihre Aufgabe als Sirene in tiefe Trauer, auf der anderen Seite jedoch bringt sie der See liebevolle Gefühle entgegen. Sie ist innerlich zerrissen und sehnt das Ende ihrer Sirenenzeit herbei. Dies wirkte auf mich wie das Stockholm Syndrom (ohne da eine psychologisch fundierte Aussage treffen zu wollen und zu können!)
Wikipedia beschreibt das Stockholm-Syndrom wie folgt: „Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ (Quelle hier →) Klingt nach Kahlen und der See!

Kapitel 2 (Seite 37) – Kahlens Gedanken über die See

Manchmal nahm Sie mich zu einer Insel mit oder Sie zeigte mir die schönsten Facetten Ihrer selbst, so leicht verborgen vor den menschen. An anderen Tagen wusste Sie, dass Sie mir am besten half, indem Sie mich eine Weile allein ließ. Aber ich wollte nie lange von Ihr getrennt bleiben. Sie war die einzige Mutter, die ich noch hatte.
Teils Mutter, teils Schutzherrin, teils Arbeitgeberin… unsere Beziehung war schwer zu beschreiben.

Ihre Treue der See gegenüber wird dann auf die Probe gestellt, als sie Akinli kennenlernt. Er ist Student und überrascht sie mit seiner aufgeschlossenen und unbeschwerten Art, obwohl sie stumm ist wie ein Fisch. Sie verliebt sich in ihn, weiß jedoch dass es ihr nicht erlaubt ist mit ihm zusammen zu sein. So schnell diese zarte Liebe angefangen hat, so schnell bricht sie (zunächst einmal) auch wieder ab, als Kahlen und die anderen Mädchen ihre Koffer packen und weiterziehen.
Hier habe ich gedacht, der Zeitpunkt ist gut gewählt für die Geschichte: nach 80 Jahren Dienst, sind also noch 20 übrig, genug damit es eine dramatische Wendung wird, wenig genug, damit sie auch nach den 20 Jahren zusammen finden könnten. Dennoch fand ich es unrealistisch, dass dies nach 80 Jahren Kahlens erstes Zusammentreffen mit einem Menschen sein sollte, für den sie Gefühle entwickelt. Ich meine 80 Jahre sind eine lange Zeit!
Nachdem Kahlen von Akinli getrennt ist, merkt sie wie stark ihre Gefühle sind, und dass sie ihn unbedingt wieder sehen möchte. Sie widersetzt sich der See und trifft ihn. Ein Zwischenfall jedoch führt dazu dass sie ihn endgültig zu verlieren scheint, doch eine mysteriöse Krankheit gibt der Geschichte dann eine unerwartete Wendung. (Mehr will ich an dieser Stelle nicht spoilern!! :))

Trotz aller Kritik an der See und ihren Motiven, ist die Liebesgeschichte zwischen Kahlen und Akinli der rote Faden um den sich die Geschichte spinnt. Sie ist zart und süß und herzallerliebst. Sie nimmt eine spannende Wendung und ein versönliches Ende.

Fazit

Wie eingangs erwähnt finde ich die Idee des Buches toll und spannend, die Umsetzung ist in meinen Augen jedoch etwas löchrig. Mir wurde das ganze Buch über nicht klar, aus welcher Intention heraus die Mädchen so viele Tode in Kauf nehmen und sich im nächsten Moment überlegen welche Party sie als nächstes besuchen wollen. Mir hat schlicht die Erklärung gefehlt warum die See Opfer sucht und dies hat die ganze Geschichte für mich überschattet. Selbst die süße und spannende Liebesgeschichte zwischen Kahlen und Akinli konnte diesen Umstand für mich nicht wett machen.

Details:

„Siren“ – Kiera Cass

Fischer Tor Verlag – 13.10.2016

Hardcover € 12,99

Verlagsseite →

©alienicious 2020


Hinweise:

Das rezensierte Buch habe ich in einer Verlosung auf Lovelybooks.de gewonnen. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

Links:
Sirenen – Wikipedia →
Stockholm-Syndrom – Wikipedia →

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