
Verschwörungen, Geheimnisse, vertuschte Wahrheiten und die große Frage, ob hinter den Dingen vielleicht doch mehr steckt, als wir offiziell erfahren: Eigentlich ist das die perfekte Grundlage für eine Mystery-Serie. „Akte X“ hat schließlich jahrelang vorgemacht, wie viel Spaß es machen kann, sich für eine Weile auf genau dieses „Was wäre, wenn?“ einzulassen.
Mit „Offenbarung 23“ bin ich inzwischen zwölf Folgen tief in eine Hörspielreihe eingetaucht, die genau mit diesem Gedanken spielt. Und obwohl die einzelnen Folgen teilweise so vollgestopft mit Namen, Ereignissen und vermeintlichen Zusammenhängen sind, dass man beim Hören besser nicht für längere Zeit abschweift, funktioniert das für mich erstaunlich gut.
Gleichzeitig hört sich eine Serie über Verschwörungserzählungen heute vermutlich etwas anders an als zu ihrem Start im Jahr 2005.
Die Wahrheit ist irgendwo da draußen
Das Grundprinzip der Hörspielreihe „Offenbarung 23“ hat mich ziemlich schnell abgeholt. Die Serie greift bekannte Verschwörungserzählungen, ungeklärte Ereignisse und moderne Mythen auf und baut daraus ihre Geschichten. Gerade in den ersten Folgen begegnet man dabei immer wieder Themen, von denen man zumindest schon einmal gehört hat.
Genau das erinnert mich ein wenig an „Akte X„. Natürlich funktionieren beide Serien vollkommen unterschiedlich, aber sie teilen für mich dieses lustvolle Spiel mit der Realität: Man nimmt etwas Bekanntes, lässt ein paar tatsächliche Fakten einfließen und öffnet dann die Tür für die große Frage: Was wäre, wenn die offizielle Geschichte eben doch nicht die ganze Geschichte wäre?
Und „Offenbarung 23„ öffnet diese Tür nicht nur einen Spalt. Die Hörspiele werfen mit Namen, Organisationen, historischen Ereignissen, technischen Details und Querverbindungen geradezu um sich. Ein Hinweis führt zum nächsten, hinter einer vermeintlichen Antwort wartet schon das nächste Geheimnis und Dinge, die zunächst vollkommen unabhängig voneinander erscheinen, werden plötzlich miteinander verknüpft.
Das ist manchmal ziemlich viel auf einmal. Wer nebenbei gedanklich kurz die Einkaufsliste durchgeht, kann fünf Minuten später durchaus das Problem haben, nicht mehr genau zu wissen, welcher Name gerade zu welcher Verschwörung gehört. Gleichzeitig sorgt diese hohe Informationsdichte dafür, dass die Folgen kaum Leerlauf haben. Die Handlung bewegt sich permanent und gibt einem ständig neue kleine Rätsel und Zusammenhänge, denen man folgen kann.
Verschwörungserzählungen haben heute ein anderes Geschmäckle
Dabei muss man sich allerdings bewusst machen, wann „Offenbarung 23“ gestartet ist: 2005. Und ich glaube, dass sich unser gesellschaftliches Verhältnis zu Verschwörungserzählungen seitdem ziemlich verändert hat.
Spätestens seit der Corona-Pandemie haben Begriffe wie Verschwörungstheorie oder Verschwörungserzählung für mich ein anderes Geschmäckle bekommen. Wenn Menschen tatsächlich davon überzeugt sind, dass Regierungen, Wissenschaft, Medien und irgendwelche geheimen Eliten gemeinsam eine gigantische Wahrheit verbergen, ist das plötzlich nicht mehr nur das herrlich absurde Material für Mystery-Geschichten.
Beim Hören hatte ich deshalb durchaus Momente, in denen ich darüber nachgedacht habe, ob eine Serie wie „Offenbarung 23″ solche Vorstellungen möglicherweise sogar befeuern kann. Denn das Grundprinzip der Geschichten lautet schließlich immer wieder: Hinter der offiziellen Erklärung steckt noch etwas anderes.
Für meinen eigenen Hörspaß spielt das allerdings kaum eine Rolle. Ich kann die Serie problemlos als das behandeln, was sie für mich ist: Fiktion. Ich höre „Offenbarung 23“ nicht anders, als ich „Akte X“ schaue. Ich kann Mulder dabei zusehen, wie er Aliens, Regierungsverschwörungen und geheimen Experimenten hinterherjagt, ohne anschließend davon auszugehen, dass in irgendeinem amerikanischen Keller tatsächlich außerirdische Leichen versteckt werden.
Trotzdem finde ich diesen Wandel bemerkenswert. Eine Mystery-Serie über Verschwörungen aus dem Jahr 2005 trifft heute auf eine gesellschaftliche Realität, in der Verschwörungserzählungen sehr viel sichtbarer und teilweise auch gefährlicher geworden sind. Das verändert nicht unbedingt die Serie – aber vielleicht die Ohren, mit denen wir sie hören.
All das ändert aber nichts daran, dass ich nach zwölf Folgen ziemlich neugierig darauf bin, wohin mich die Reihe noch führt.

Wenn ihr euch ein bisschen kritischer mit Verschwörungserzählungen und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen auseinander setzen wollt, empfehle ich euch das Buch: „Fake Facts“ von Pia Lamberty und Katharina Nocun.
Wenn eine reale Person zur Figur wird
An einer anderen Stelle fällt mir die Trennung zwischen Realität und Fiktion allerdings schwerer: bei Tron.
Denn die Rahmenhandlung von „Offenbarung 23“ bedient sich nicht einfach nur einer erfundenen Hackerlegende. Hinter Tron steht mit Boris Floricic eine reale Person. Der deutsche Hacker starb 1998, und auch die Umstände seines Todes wurden zum Gegenstand von Spekulationen.
Natürlich ist ziemlich offensichtlich, warum gerade diese Geschichte für eine Mystery-Serie attraktiv ist. Ein Hacker, Geheimnisse, ein früher Tod und offene Fragen – erzählerisch passt das beinahe zu perfekt in die Welt von „Offenbarung 23“.
Hier wird aus einem realen Menschen ein Bestandteil einer fiktionalen Hörspielreihe die Verschwörungsgeschichten thematisiert. Ich weiß nicht, welche Absprachen es damals möglicherweise mit Angehörigen oder anderen Beteiligten gegeben hat und möchte deshalb auch nicht darüber spekulieren. Soviel ich gelesen habe wurde die Verwendung seines Namens und seiner Person kritisch entgegengetreten. Tron selbst konnte einer solchen Verarbeitung seiner Person jedenfalls nicht mehr gegenüberstehen.
Damit stellt sich für mich eine grundsätzlich interessante Frage: Wie weit darf Fiktion gehen, wenn sie reale Menschen übernimmt? Bei historischen Persönlichkeiten, die seit Jahrhunderten tot sind, stellen wir uns diese Frage kaum noch. Bei jemandem, dessen Tod zum Erscheinen der ersten Folgen gerade einmal wenige Jahre zurücklag, fühlt es sich für mich anders an.
Das macht „Offenbarung 23„ für mich nicht unhörbar. Aber es ist ein Aspekt der Serie, über den ich beim Hören immer wieder stolpere und bei dem ich eine fiktionalisierte Variante seiner Person bevorzugt hätte.
Wenn ihr euch für die Hintergründe des realen Tron interessiert, empfehle ich euch die Episode #47 „Todesrätsel Tron“ vom Podcast „Verbrechen von nebenan“.
Fazit
„Offenbarung 23„ ist für mich bisher vor allem eines: verdammt unterhaltsame Mystery.
Ich mag dieses Spiel mit bekannten Verschwörungserzählungen, historischen Ereignissen und der Frage, was vielleicht noch hinter der vermeintlichen Wahrheit stecken könnte. Die Folgen sind randvoll mit Informationen und Querverbindungen und lassen dadurch kaum Gelegenheit aufkommen, sich zu langweilen. Gleichzeitig muss man bei all den Nam en und Zusammenhängen durchaus ein bisschen aufmerksam bleiben.
Interessanterweise ist es aber gerade das Alter der Serie, das sie für mich heute noch einmal auf einer zweiten Ebene spannend macht. Eine Hörspielreihe, die 2005 mit Verschwörungserzählungen spielte, trifft nach Corona auf ein Publikum, das erlebt hat, welche reale Dynamik solche Erzählungen entwickeln können. Für mich funktioniert die Grenze trotzdem problemlos: „Offenbarung 23“ ist Fiktion und genau als solche möchte ich sie hören.
Mehr Bauchschmerzen bereitet mir dagegen der Umgang mit Tron. Eine reale Person zum Bestandteil einer fiktionalen Verschwörungsgeschichte zu machen, ist eine Entscheidung, die man zumindest kritisch hinterfragen kann und sollte.
All das ändert aber nichts daran, dass ich nach zwölf Folgen ziemlich neugierig darauf bin, wohin mich die Reihe noch führt.
Links
„Offenbarung 23“ bei Wikipedia
Hinweise
Rezension: ©alienicious 2026
Die rezensierte Hörspielreihe habe ich selber erworben.


