
Inhalt
»Frauen gehören in die Küche, nicht in den Weltraum« – eine weit verbreitete Meinung in den USA der 1950er-Jahre. Die junge Physikerin Dr. Elma York, die als menschlicher »Computer« täglich die Flugbahnen von Raketen berechnet, lässt sich davon jedoch nicht abhalten. Schließlich steht die Menschheit vor ihrer größten Herausforderung: Ein gigantischer Meteoriteneinschlag hat das Klima für immer verändert, sodass die Eroberung des Alls sehr viel dringlicher geworden ist. Die Widerstände sind zahlreich, doch als erste Astronautin in den Weltraum zu fliegen ist Elmas größter Traum – und niemand wird sie daran hindern!
Quelle: Hörbuch Hamburg – Osterworld Audio
Meine Meinung
Eine alternative Geschichte der Raumfahrt
Die Geschichte beginnt 1952 mit einer Katastrophe: Ein gewaltiger Meteorit schlägt vor der Ostküste der USA ein und vernichtet unter anderem Washington D.C. Doch die unmittelbaren Zerstörungen sind erst der Anfang. Schnell wird deutlich, dass der Einschlag das Klima der Erde langfristig verändern und den Planeten irgendwann unbewohnbar machen könnte.
Aus dem Wettlauf ins All wird damit eine Frage des Überlebens, denn die Menschheit muss einen Weg finden, die Erde langfristig verlassen zu können.
Ich mag solche alternativen Zeitlinien unglaublich gerne. Das Buch hat mich dabei immer wieder an die Serie For All Mankind erinnert: Ein historischer Ausgangspunkt wird verändert und von dort aus weitergedacht. Bekannte technische und gesellschaftliche Entwicklungen nehmen einen anderen Verlauf, ohne dass die Geschichte dabei ihre historischen Wurzeln verliert.
Besonders gelungen finde ich, dass Kowal nicht nur die technische Entwicklung der Raumfahrt neu denkt, sondern auch die gesellschaftlichen Rollenbilder hinterfragt. Denn während die Menschheit beginnt, nach den Sternen zu greifen, steckt sie bei der Vorstellung davon, welche Rolle Frauen dabei spielen dürfen, noch ziemlich tief in den 50er-Jahren fest.
Elma York – zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Ambitionen
Im Mittelpunkt steht Elma York, eine brillante Mathematikerin und ehemalige Pilotin, die eigentlich genau die Fähigkeiten besitzt, die für das neue Raumfahrtprogramm gebraucht werden. Doch obwohl Frauen hochkomplexe Berechnungen durchführen und entscheidend dazu beitragen, Männer ins All zu bringen, wird ihre eigene Eignung als Astronautinnen ihnen grundsätzlich abgesprochen.
Diese Ungleichbehandlung hat mich beim Lesen immer wieder wütend und traurig gemacht. Besonders frustrierend fand ich, wie selbstverständlich Frauen bestimmte Fähigkeiten abgesprochen werden, obwohl sie diese längst unter Beweis gestellt haben.
Elma ist dabei keine Figur, die von Anfang an mit erhobener Faust gegen das Patriarchat marschiert. Tatsächlich war sie mir manchmal fast ein bisschen zu brav, denn sie hat viele gesellschaftliche Erwartungen selbst verinnerlicht und versucht zunächst, sich innerhalb der bestehenden Regeln zu bewegen. Gerade deshalb fand ich ihre Entwicklung aber auch glaubwürdig. Ihre Stärke liegt darin, dass sie zunehmend den Mut aufbringt, diese Erwartungen zu hinterfragen und für ihre eigenen Ambitionen einzustehen.
Auch abseits ihres Kampfes um einen Platz im Raumfahrtprogramm mochte ich Elma als Protagonistin sehr. Sie ist klug, analytisch und gleichzeitig manchmal erstaunlich unbeholfen, insbesondere im Umgang mit sozialen Situationen und unausgesprochenen Erwartungen. Einige ihrer Eigenschaften können aus heutiger Perspektive an neurodivergente Verhaltensweisen erinnern, ohne dass ich mich anmaßen möchte ihr eine Diagnose zuzuschreiben.
Besonders stark geschrieben fand ich allerdings ihren Umgang mit Angst. Elma kämpft mit Ängsten, die sie nicht einfach durch Willenskraft abschütteln kann und die sie teilweise so stark belasten, dass ihr Umgang damit beinahe in eine Abhängigkeit führt. Kowal erlaubt ihrer Protagonistin damit, gleichzeitig unglaublich kompetent und verletzlich zu sein. Elma kann komplizierte mathematische Probleme lösen und trotzdem an Situationen scheitern, die für andere Menschen vollkommen alltäglich erscheinen. Gerade diese Widersprüche machen sie für mich zu einer glaubwürdigen und menschlichen Figur, deren Mut umso bemerkenswerter ist.
Sehr gerne mochte ich auch die Beziehung zwischen Elma und ihrem Mann Nathaniel. Gerade vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der 1950er-Jahre hätte man hier leicht einen weiteren Konflikt zwischen einer ambitionierten Frau und einem Ehemann konstruieren können, der sich von ihrem Erfolg bedroht fühlt. Nathaniel hingegen nimmt Elmas Fähigkeiten ernst, unterstützt sie und tritt für sie ein, ohne ihre Ambitionen als Bedrohung für ihre Ehe zu betrachten. Dabei nimmt er ihr ihre Kämpfe nicht ab, sondern gibt ihr den Rückhalt, ihren eigenen Weg zu gehen.
Die wahren Frauen hinter der fiktiven Raumfahrtgeschichte
Was ich an „Die Berechnung der Sterne“ besonders faszinierend fand, ist, wie viel reale Geschichte in Kowals alternativer Zeitlinie steckt. Denn Frauen waren sowohl in der Luftfahrt als auch in der frühen Raumfahrt längst unverzichtbar, auch wenn ihnen viele Möglichkeiten weiterhin verwehrt blieben.

Ein Beispiel dafür sind die Women Airforce Service Pilots (WASP), die auch im Roman eine Rolle spielen.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden in den USA aufgrund des Mangels an männlichen Piloten Frauen eingesetzt, die unter anderem Flugzeuge überführten und testeten. Sie flogen nahezu alle Flugzeugtypen des damaligen US-Militärs, darunter schwere Bomber und schnelle Jagdflugzeuge. Insgesamt schlossen 1.074 Frauen das WASP-Ausbildungsprogramm ab, 38 Frauen starben während ihrer Ausbildung oder im Einsatz.
Trotz ihrer Leistungen wurde das Programm 1944 aufgelöst, nachdem der Kongress eine Eingliederung der WASP in das Militär abgelehnt hatte. Erst 1977 erhielten die ehemaligen Pilotinnen offiziell Veteranenstatus.
Dieser historische Hintergrund macht die Widerstände, mit denen Elma und die anderen Frauen im Roman konfrontiert werden, für mich noch frustrierender. Frauen hatten längst bewiesen, dass sie anspruchsvolle und gefährliche Flugzeuge beherrschen konnten, und mussten dennoch erneut um die Anerkennung ihrer Fähigkeiten kämpfen.
Ähnlich ging es mir mit Elmas Arbeit als sogenannter „Computer“. Heute denken wir dabei automatisch an eine Maschine, tatsächlich bezeichnete der Begriff aber lange Zeit Menschen, die mathematische Berechnungen durchführten. Bei der NACA und später der NASA waren darunter zahlreiche Frauen.
Unweigerlich musste ich deshalb beim Lesen an den Film Hidden Figures denken. Frauen wie Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson arbeiteten als Mathematikerinnen und sogenannte „Human Computers“ für die amerikanische Luft- und Raumfahrt. Katherine Johnson berechnete unter anderem die Flugbahn für Alan Shepards Raumflug, überprüfte die Orbitaldaten für John Glenns Mission und war auch an Berechnungen für die Apollo-Missionen beteiligt.
Diese Frauen waren keine nachträglich hinzugefügten Figuren in der Geschichte der Raumfahrt, sondern längst ein unverzichtbarer Teil davon. Trotzdem standen sie häufig im Schatten der Männer, die ins All flogen und dafür die öffentliche Anerkennung erhielten.
Kowal greift diese historische Realität auf und führt sie einen entscheidenden Schritt weiter: Was passiert, wenn eine dieser hochqualifizierten Frauen nicht länger nur die Flugbahn berechnen, sondern selbst ins All fliegen möchte?
Wenn selbst die Bezeichnung „Astronautin“ zum Problem wird
Ein Aspekt, der mich beim Lesen besonders aufgeregt hat, war der Umgang mit Elmas Leistungen, nachdem sie sich für ein Astronautinnenprogramm eingesetzt hat. Anstatt sie einfach als Astronautin anzuerkennen, wird sie als „Lady Astronaut“ bezeichnet.
Dieser Ausdruck hat mich unglaublich wütend gemacht, weil er ihre Leistung in meinen Augen bewusst herabsetzt. Während ein männlicher Astronaut selbstverständlich als kompetenter Wissenschaftler/ Raumfahrer/Pilot/Ingenieur wahrgenommen wird, klingt „Lady Astronaut“ für mich nach einer Frau, die auch einmal Astronautin spielen darf.
Dabei zeigt sich für mich, wie sehr Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst. Beide Begriffe bezeichnen eine Frau, die als Astronautin arbeitet, erzeugen aber völlig unterschiedliche Bilder. Die zusätzliche Bezeichnung „Lady“ macht aus einer beruflichen Qualifikation plötzlich etwas vermeintlich Besonderes, das von der männlichen Norm abweicht.
Man kann vom Gendern halten, was man möchte, aber für mich unterstreicht dieses Beispiel noch einmal, welchen Einfluss Sprache darauf hat, welche Fähigkeiten wir Menschen zuschreiben und wie ernst wir sie nehmen.
Fazit
Die Berechnung der Sterne verbindet für mich gleich mehrere Dinge, die ich gerne lese: Wissenschaft, Raumfahrt, alternative Geschichte und eine Protagonistin, die sich gegen gesellschaftliche Grenzen stemmt.
Besonders gelungen fand ich, wie Kowal die fiktive Entwicklung der Raumfahrt mit realen historischen Gegebenheiten verknüpft. Die Geschichte der WASP-Pilotinnen und der Mathematikerinnen der späteren NASA zeigt, dass die Grundidee des Romans gar nicht so weit von unserer tatsächlichen Geschichte entfernt ist.
Gleichzeitig hat mich das Buch immer wieder traurig und wütend gemacht, weil Frauen trotz ihrer nachgewiesenen Fähigkeiten gesellschaftliche Grenzen gesetzt wurden, die Männer nicht überwinden mussten. Dass selbst eine existenzielle Bedrohung für die gesamte Menschheit nicht ausreicht, um diese Rollenbilder selbstverständlich hinter sich zu lassen, macht die Geschichte umso eindrücklicher.
Vor allem aber mochte ich Elma als Protagonistin, weil sie keine makellose Heldin ist. Sie ist unglaublich klug, manchmal unbeholfen, gelegentlich fast ein bisschen zu angepasst und kämpft mit massiven Ängsten. Trotzdem findet sie den Mut, für ihre Ambitionen einzustehen und gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen.
Für mich ist „Die Berechnung der Sterne“ deshalb nicht nur eine Geschichte über den Aufbruch der Menschheit ins All, sondern auch über die Frage, wer überhaupt die Möglichkeit bekommt, an diesem Aufbruch teilzunehmen.
Buchdetails
„Die Berechnung der Sterne“ von Mary Robinette Kowal
Osterworld Audio – 03.01.2022 (Hier geht’s zur Verlagsseite🔗)
Hörbuch – 891 Minuten
Hinweise
Rezension: ©alienicious 2026
Das rezensierte Buch habe ich selber erworben.
