Monat: September 2026

Rezension: „Frostgrab“ von Allie Reynolds

In meiner Rezension zu „Frostgrab“ nehme ich die dramatische Gruppendynamik unter die Lupe.

Rezension: "Frostgrab" von Allie Reynolds

Inhalt

Die Snowboarderin Milla trifft auf einer einsamen Lodge in den französischen Alpen ihre Clique von früher wieder. An diesem Ort haben sie vor zehn Jahren gemeinsam trainiert, bis eine Tragödie alles zunichtemachte. Doch was Milla als harmloses Wiedersehen ansah, entwickelt sich schnell zum gnadenlosen Psychospiel. Plötzlich sind die Handys verschwunden, und die Seilbahn steht still. Dann ist der Erste von ihnen tot. Die eisige Bergspitze droht zum Grab für sie alle zu werden, wenn sie nicht ihr düsterstes Geheimnis offenbaren. Und jeder hat etwas zu verbergen. Besonders Milla.
Quelle: Harper Collins Verlag

Meine Meinung

„Frostgrab“ bringt genau die Zutaten mit, bei denen ich neugierig werde: Schnee, Berge, ein abgelegener Ort und eine kleine Gruppe von Menschen, die plötzlich an diesem Ort festsitzt. Dazu kommt das Umfeld des Snowboardens, das dem Ganzen noch einmal eine eigene Dynamik gibt. Es legt die Basis für Ehrgeiz und Konkurrenz und alten Konflikte lassen nicht lange auf sich warten.

Gerade die abgeschiedene Bergstation hat mir dabei gut gefallen. Sobald die Verbindung zur Außenwelt wegbricht, bekommt die Geschichte dieses klassische Horrorfilm-Gefühl: wenige Menschen, begrenzter Raum und die unangenehme Frage, ob die eigentliche Gefahr vielleicht längst mit im Gebäude sitzt. In einigen Szenen entsteht dadurch tatsächlich eine bedrückende und schaurige Atmosphäre.

Eine Gruppe voller Altlasten

Weniger überzeugt hat mich dagegen die Figurenkonstellation. Fast alle Personen bringen irgendeine Form von Eifersucht, Konkurrenzdenken, verletztem Stolz oder alten Beziehungsgeschichten mit. Nach und nach wird deutlich, dass innerhalb dieser Gruppe kaum eine Verbindung unbelastet ist. Gefühlt hatte jeder mit jedem irgendeine Vorgeschichte, und irgendwann bekam das für mich einen ziemlich deutlichen Soap-Opera-Einschlag.

Dabei fand ich weniger problematisch, dass die Figuren unsympathisch sind. Unsympathische Charaktere können eine Geschichte schließlich genauso gut tragen. Was mich eher gestört hat, war die Häufung der Konflikte. Statt einer glaubhaften Freundesgruppe entstand für mich zunehmend der Eindruck einer Ansammlung von Menschen, die sich gegenseitig kaum ausstehen können und trotzdem jahrelang als Clique funktioniert und sich jetzt an diesem Ort zusammengefunden haben sollen.

Gerade weil der Roman immer wieder auf frühere Freundschaften und gemeinsame Zeiten zurückgreift, hätte ich mir zwischendurch mehr Momente gewünscht, in denen nachvollziehbar wird, warum diese Menschen überhaupt einmal gern Zeit miteinander verbracht haben.

Viel Drama, viele Verbindungen

Auch die Handlung selbst wurde mir im Verlauf etwas zu stark konstruiert. Natürlich lebt ein Thriller wie dieser davon, dass Geheimnisse nach und nach freigelegt werden und frühere Ereignisse plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. Bei „Frostgrab“ hatte ich aber zunehmend den Eindruck, dass sehr viele Beziehungen, Zufälle und Entscheidungen exakt ineinandergreifen müssen, damit die Geschichte am Ende auf ihre Auflösung zulaufen kann.

Dadurch verlor das Geschehen für mich etwas von seiner Bedrohlichkeit. Statt mich immer tiefer in die Situation hineinziehen zu lassen, war ich mehr und mehr abgeschreckt von der Fülle an Konflikten.

Wer dagegen genau solche verschachtelten Geschichten mag, in denen fast jede Figur noch ein weiteres Geheimnis mit sich herumträgt und ständig neue Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auftauchen, dürfte hier deutlich mehr Freude haben.

Fazit

Am stärksten bleibt für mich das Setting von „Frostgrab„. Die verschneiten Berge, das Snowboard-Milieu und die abgeschiedene Unterkunft liefern eine richtig gute Grundlage für einen Thriller mit klaustrophobischer Note.

Die Figuren und ihre Beziehungen waren mir dagegen irgendwann zu überladen. Zu viel Eifersucht, zu viele Verwicklungen und zu viele alte Rechnungen sorgten dafür, dass die Geschichte für mich zunehmend künstlich wirkte.

Schlecht fand ich das Buch deshalb nicht. Es hat gute Ideen und stellenweise eine sehr unangenehme Atmosphäre. In diesem Bereich gibt es für mich aber Thriller, die aus einer abgeschlossenen Gruppe und einem isolierten Schauplatz noch mehr herausholen.

Wer dagegen Lust auf Schnee, Geheimnisse, gegenseitiges Misstrauen und ordentlich zwischenmenschliches Drama hat, bekommt mit „Frostgrab“ genau diese Mischung.

True Crime Tipp

Wer nach „Frostgrab“ noch bei dem Thema Berge, Snowboard fahren und Skiliften noch mit einem echten Kriminalfall befassen möchte, dem kann ich den Fall Raven Vollrath empfehlen. Ohne Ravens Schicksal mit dem Drama in dem Buch vergleichen zu wollen! Wie in „Mordlust“ so treffend zusammengefasst: Hier geht es um echte Menschen und ihre Schicksale.

Relativ neu und meiner Meinung nach sehr gut recherchiert und aufbereitet ist die Folge
#182 „Tod in den Bergen (LIVE)“ von Verbrechen von nebenan: True Crime aus der Nachbarschaft

Besonders interessant ist hier, dass die Folge in Zusammenarbeit mit der Familie entstanden ist und der Fall dadurch sehr nah und ausführlich erzählt wird.

Wer lieber Mordlust hört, findet den Fall auch dort: In der etwas älteren Folge: Mordlust #51 „Armchair Detectives“ wird Raven Vollraths Geschichte ebenfalls aufgegriffen.

Buchdetails:

„Frostgrab“ von Allie Reynolds
HarperCollins – 27.10.2020 (Hier geht’s zur Verlagsseite🔗)
Hörbuch – 705 Minuten


Hinweise

Rezension: ©alienicious 2026

Das rezensierte Buch habe ich selber erworben.

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Rezension: „Welcome Home“ von Arno Strobel

Rezension: "Welcome Home" von Arno Strobel

Inhalt

Dein größter Traum ist wahr geworden – endlich bist du stolzer Besitzer eines eigenen Zuhauses. Hier kannst du dich sicher und geborgen fühlen. Oder?

Ines und Marco Winkler können ihr Glück kaum fassen, als sie den Schlüssel zu ihrem ersten eigenen Haus in Händen halten. Sofort nach dem Einzug mit ihrer kleinen Tochter Emilia wissen sie: Jetzt sind wir als Familie angekommen. Hier, in unserem kleinen Reich, in der neu gebauten Siedlung »Auf Mons« im beschaulichen Spessart. Auch in der Nachbarschaft finden die Winklers schnell Anschluss, vor allem das Ehepaar Mannstein freundet sich mit der jungen Familie an und schließt ihre Tochter sofort ins Herz.

Doch dann hat Ines eines Nachts das Gefühl, im Schlaf beobachtet zu werden. Als sie die Augen aufreißt, ist da niemand. Auch als sie aufsteht und im Haus nachsieht, kann sie nichts entdecken, was auf einen Einbrecher deuten könnte.

Als sie kurz darauf im noch leerstehenden Nachbarhaus einen Schatten zu sehen glaubt, versucht sie sich zu beruhigen. Wahrscheinlich hat der Umzug sie mehr gestresst als sie dachte. Bestimmt hat sie sich getäuscht. Bis sie am nächsten Morgen begreift: Sie hat ganz richtig gesehen. Es war jemand im Nachbarhaus. Und sie weiß jetzt auch, was er dort wollte. Einen Menschen töten.

Mit einem Mal herrscht Panik in der Siedlung. Wer geht um »Auf Mons«? Wer ist noch sicher? Und wer stirbt als Nächstes?

Quelle: Argon Hörbuch

Meine Meinung

„Welcome Home“ war für mich vor allem eins: gute Unterhaltung. Kein Thriller, der mich mit besonders tief ausgearbeiteten Figuren oder komplexen Beziehungen umgehauen hat, aber eine ziemlich kurzweilige Suche nach dem Täter, bei der immer wieder neue Verdächtigungen aufkommen.

Besonders gut gefallen hat mir dabei das Setting. Ein Neubaugebiet wirkt eigentlich erst einmal ziemlich unspektakulär: neue Häuser, viele Familien, freundliche Nachbarn und dieses typische Bild vom sicheren Eigenheim. Und genau zu dieser eigentlich beschaulichen, idyllischen und sicheren Umgebung steht der brutale Mord in heftigem Kontrast. Besonders Ines hat immer wieder das Gefühl, beobachtet zu werden oder dass sich jemand im Haus befindet. Und die Vorstellung, dass jemand in den eigenen vier Wänden sein könnte, ohne dass man weiß, wie er hineingekommen ist, fand ich ziemlich gruselig.

Nachbarschaft – Schein und Sein

Auch die Nachbarschaft fand ich interessant. Anfangs sind die Nachbarn nebenan, ein älteres Ehepaar, fast schon auffällig freundlich und hilfsbereit. Mir persönlich wären einige dieser Begegnungen eher suspekt gewesen – gerade wie selbstverständlich ihnen teilweise vertraut wird. Ich weiß jedenfalls nicht, ob ich mein Kind nach so kurzer Zeit einfach bei Menschen abgegeben hätte, die ich kaum kenne.

Im Verlauf entwickelt sich die Siedlung dann immer stärker zu einer klassischen Nachbarschaftswache. Jeder beobachtet jeden, plötzlich wirken Kleinigkeiten verdächtig und aus der anfänglichen Gemeinschaft entsteht zunehmend Misstrauen. Immer wieder gibt es neue Personen, auf die der Verdacht gelenkt wird, und genau daraus zieht das Buch einen großen Teil seiner Spannung.

Die Charaktere

Die Figuren selbst bleiben dabei allerdings eher oberflächlich. Ihre Beziehungen und persönliche Entwicklung stehen nicht besonders stark im Mittelpunkt. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte fast vollständig auf die Suche nach dem Mörder und darauf herauszufinden, was eigentlich in der Siedlung passiert. Dadurch hat das Ganze stellenweise fast etwas Detektivisches: Hinweise werden gesammelt, Verdächtige ausgeschlossen und neue Spuren verfolgt.

Den finalen Plottwist fand ich auf der einen Seite total cool aber auf der anderen Seite nicht ganz so überraschend, wie er vermutlich gedacht war. Ich hatte relativ früh eine Vermutung, in welche Richtung die Auflösung gehen könnte. Manchmal habe ich mich auch gefragt wieso die Figuren das noch nicht in Betracht gezogen haben. Vielleicht habe ich dafür einfach zu viele Horrorfilme gesehen. Wirklich gestört hat mich das aber nicht, weil der Weg zur Auflösung trotzdem unterhaltsam war.

Fazit

Insgesamt ist „Welcome Home“ für mich kein Thriller mit wahnsinnig viel Tiefgang, aber eine gelungene Schnitzeljagd nach Täter, Motiv und wie er es anstellt. Vor allem das Spiel mit dem vermeintlich sicheren Zuhause, den überfreundlichen Nachbarn und dem zunehmenden Misstrauen innerhalb der Siedlung sorgt für eine unangenehme Atmosphäre. Wer einen kurzweiligen Psychothriller mit klassischem Whodunit-Gefühl und einem leicht gruseligen Home-Invasion-Setting sucht, bekommt hier auf jeden Fall gute Unterhaltung.

Buchdetails:

„Welcome Home“ von Arno Strobel
Argon Hörbuch – 27.08.2025(Hier geht’s zur Verlagsseite🔗)
Hörbuch – 8:08 Stunden


Hinweise

Rezension: ©alienicious 2026

Das rezensierte Buch habe ich selber erworben.

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Rezension: „BlacKkKlansman“ von Ron Stallworth

Rezension: "BlacKkKlansman" von Ron Stallworth

Inhalt

When detective Ron Stallworth, the first black detective in the history of the Colorado Springs Police Department, comes across a classified ad in the local paper asking for all those interested in joining the Ku Klux Klan to contact a P.O. box, Detective Stallworth does his job and responds with interest, using his real name while posing as a white man. He figures he’ll receive a few brochures in the mail, maybe even a magazine, and learn more about a growing terrorist threat in his community.

A few weeks later the office phone rings, and the caller asks Ron a question he thought he’d never have to answer, „Would you like to join our cause?“ This is 1978, and the KKK is on the rise in the United States. Its Grand Wizard, David Duke, has made a name for himself, appearing on talk shows, and major magazine interviews preaching a „kinder“ Klan that wants nothing more than to preserve a heritage, and to restore a nation to its former glory.

Ron answers the caller’s question that night with a yes, launching what is surely one of the most audacious, and incredible undercover investigations in history. Ron recruits his partner Chuck to play the „white“ Ron Stallworth, while Stallworth himself conducts all subsequent phone conversations. During the months-long investigation, Stallworth sabotages cross burnings, exposes white supremacists in the military, and even befriends David Duke himself.


Quelle: Flatiron Books

Meine Meinung

Was für eine abgefahrene Geschichte – und das Verrückteste daran: Sie ist wahr.

Ron Stallworth ist der erste schwarze Polizist und zugleich der jüngste Detective beim Colorado Springs Police Department. Und ausgerechnet er beginnt Anfang der 1970er-Jahre, den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren. Was zunächst mit einem Telefonat beginnt, entwickelt sich zu einer vollkommen absurden Undercover-Ermittlung: Stallworth gibt sich am Telefon als weißer Rassist aus, während ein weißer Kollege bei persönlichen Treffen seine Rolle übernimmt.

Allein diese Masche klingt schon so verrückt, dass ich sie in einem Roman wahrscheinlich für ziemlich konstruiert gehalten hätte. Umso abgefahrener ist es zu lesen, dass das tatsächlich funktioniert hat. Stallworth schafft es, sich in den Gesprächen das Vertrauen der KKK-Mitglieder zu erschleichen, indem er ihnen genau das vorspielt, was sie ohnehin hören wollen.

Besonders absurd fand ich, wie verbunden sich einige der Männer mit ihrem vermeintlich weißen neuen Freund fühlen. Sie sprechen offen über ihre rassistische Ideologie, nehmen ihn ernst und sehen ihn als einen von ihnen – ohne auch nur zu ahnen, dass am anderen Ende der Leitung ein schwarzer Polizist sitzt. Gerade dadurch führt die Geschichte den Rassismus des KKK auf eine beinahe schon groteske Art ad absurdum.

Vom Film zum Buch

Ich bin durch den Film auf das Buch aufmerksam geworden und wollte danach unbedingt wissen, wie viel von dieser Geschichte tatsächlich passiert ist. Das Buch ist dabei weniger dramatisch inszeniert als die Verfilmung, dafür bekommt man einen direkteren Einblick in Stallworths Perspektive und in die tatsächliche Polizeiarbeit hinter diesem ungewöhnlichen Fall.

Neben all der Absurdität bleibt natürlich trotzdem hängen, mit welcher Selbstverständlichkeit die KKK-Mitglieder über Hass, Ausgrenzung und vermeintliche Überlegenheit sprechen. Genau dieser Gegensatz macht die Geschichte für mich so eindrücklich: Sie ist stellenweise fast komisch, weil die Situation so grotesk ist – gleichzeitig darf man nie vergessen, welche menschenverachtende Ideologie dahintersteht.

Dazu kommt, wie sehr Stallworth sich mit der ganzen Aktion selbst in Gefahr gebracht hat. Was zunächst spontan beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer richtigen Undercover-Mission – mit einem ziemlich entscheidenden Problem: Er hatte den KKK-Mitgliedern seinen echten Namen genannt. Während er ihnen am Telefon eine völlig erfundene Identität vorspielte, war seine tatsächliche Person also keineswegs komplett geschützt. Je länger die Ermittlungen laufen und je tiefer er in die Strukturen hineinkommt, desto deutlicher wird deshalb auch, welches Risiko er eingegangen ist. Gerade weil die Geschichte zwischendurch so absurd und stellenweise fast komisch wirkt, fand ich diesen Aspekt besonders heftig und furchteinflößend.

Eine wahre Geschichte, die sich teilweise liest, als hätte sie sich jemand ausgedacht. Gerade deshalb absolut lesenswert.

Buchdetails:

Hinweis: Das Buch ist auf Englisch erschienen.
„Black Klansman“ von Ron Stallworth
Flatiron Books – 31. Juli 2018 (Hier geht’s zur Verlagsseite🔗)
Taschenbuch – 208 Seiten


Hinweise

Rezension: ©alienicious 2026

Das rezensierte Buch habe ich selber erworben.

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Rezension: „Die Berechnung der Sterne“ von Mary Robinette Kowal

Rezension: "Die Berechnung der Sterne" von Mary Robinette Kowal

Inhalt

»Frauen gehören in die Küche, nicht in den Weltraum« – eine weit verbreitete Meinung in den USA der 1950er-Jahre. Die junge Physikerin Dr. Elma York, die als menschlicher »Computer« täglich die Flugbahnen von Raketen berechnet, lässt sich davon jedoch nicht abhalten. Schließlich steht die Menschheit vor ihrer größten Herausforderung: Ein gigantischer Meteoriteneinschlag hat das Klima für immer verändert, sodass die Eroberung des Alls sehr viel dringlicher geworden ist. Die Widerstände sind zahlreich, doch als erste Astronautin in den Weltraum zu fliegen ist Elmas größter Traum – und niemand wird sie daran hindern!
Quelle: Hörbuch Hamburg – Osterworld Audio

Meine Meinung

Eine alternative Geschichte der Raumfahrt

Die Geschichte beginnt 1952 mit einer Katastrophe: Ein gewaltiger Meteorit schlägt vor der Ostküste der USA ein und vernichtet unter anderem Washington D.C. Doch die unmittelbaren Zerstörungen sind erst der Anfang. Schnell wird deutlich, dass der Einschlag das Klima der Erde langfristig verändern und den Planeten irgendwann unbewohnbar machen könnte.

Aus dem Wettlauf ins All wird damit eine Frage des Überlebens, denn die Menschheit muss einen Weg finden, die Erde langfristig verlassen zu können.

Ich mag solche alternativen Zeitlinien unglaublich gerne. Das Buch hat mich dabei immer wieder an die Serie For All Mankind erinnert: Ein historischer Ausgangspunkt wird verändert und von dort aus weitergedacht. Bekannte technische und gesellschaftliche Entwicklungen nehmen einen anderen Verlauf, ohne dass die Geschichte dabei ihre historischen Wurzeln verliert.

Besonders gelungen finde ich, dass Kowal nicht nur die technische Entwicklung der Raumfahrt neu denkt, sondern auch die gesellschaftlichen Rollenbilder hinterfragt. Denn während die Menschheit beginnt, nach den Sternen zu greifen, steckt sie bei der Vorstellung davon, welche Rolle Frauen dabei spielen dürfen, noch ziemlich tief in den 50er-Jahren fest.

Elma York – zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Ambitionen

Im Mittelpunkt steht Elma York, eine brillante Mathematikerin und ehemalige Pilotin, die eigentlich genau die Fähigkeiten besitzt, die für das neue Raumfahrtprogramm gebraucht werden. Doch obwohl Frauen hochkomplexe Berechnungen durchführen und entscheidend dazu beitragen, Männer ins All zu bringen, wird ihre eigene Eignung als Astronautinnen ihnen grundsätzlich abgesprochen.

Diese Ungleichbehandlung hat mich beim Lesen immer wieder wütend und traurig gemacht. Besonders frustrierend fand ich, wie selbstverständlich Frauen bestimmte Fähigkeiten abgesprochen werden, obwohl sie diese längst unter Beweis gestellt haben.

Elma ist dabei keine Figur, die von Anfang an mit erhobener Faust gegen das Patriarchat marschiert. Tatsächlich war sie mir manchmal fast ein bisschen zu brav, denn sie hat viele gesellschaftliche Erwartungen selbst verinnerlicht und versucht zunächst, sich innerhalb der bestehenden Regeln zu bewegen. Gerade deshalb fand ich ihre Entwicklung aber auch glaubwürdig. Ihre Stärke liegt darin, dass sie zunehmend den Mut aufbringt, diese Erwartungen zu hinterfragen und für ihre eigenen Ambitionen einzustehen.

Auch abseits ihres Kampfes um einen Platz im Raumfahrtprogramm mochte ich Elma als Protagonistin sehr. Sie ist klug, analytisch und gleichzeitig manchmal erstaunlich unbeholfen, insbesondere im Umgang mit sozialen Situationen und unausgesprochenen Erwartungen. Einige ihrer Eigenschaften können aus heutiger Perspektive an neurodivergente Verhaltensweisen erinnern, ohne dass ich mich anmaßen möchte ihr eine Diagnose zuzuschreiben.

Besonders stark geschrieben fand ich allerdings ihren Umgang mit Angst. Elma kämpft mit Ängsten, die sie nicht einfach durch Willenskraft abschütteln kann und die sie teilweise so stark belasten, dass ihr Umgang damit beinahe in eine Abhängigkeit führt. Kowal erlaubt ihrer Protagonistin damit, gleichzeitig unglaublich kompetent und verletzlich zu sein. Elma kann komplizierte mathematische Probleme lösen und trotzdem an Situationen scheitern, die für andere Menschen vollkommen alltäglich erscheinen. Gerade diese Widersprüche machen sie für mich zu einer glaubwürdigen und menschlichen Figur, deren Mut umso bemerkenswerter ist.

Sehr gerne mochte ich auch die Beziehung zwischen Elma und ihrem Mann Nathaniel. Gerade vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der 1950er-Jahre hätte man hier leicht einen weiteren Konflikt zwischen einer ambitionierten Frau und einem Ehemann konstruieren können, der sich von ihrem Erfolg bedroht fühlt. Nathaniel hingegen nimmt Elmas Fähigkeiten ernst, unterstützt sie und tritt für sie ein, ohne ihre Ambitionen als Bedrohung für ihre Ehe zu betrachten. Dabei nimmt er ihr ihre Kämpfe nicht ab, sondern gibt ihr den Rückhalt, ihren eigenen Weg zu gehen.

Die wahren Frauen hinter der fiktiven Raumfahrtgeschichte

Was ich an „Die Berechnung der Sterne“ besonders faszinierend fand, ist, wie viel reale Geschichte in Kowals alternativer Zeitlinie steckt. Denn Frauen waren sowohl in der Luftfahrt als auch in der frühen Raumfahrt längst unverzichtbar, auch wenn ihnen viele Möglichkeiten weiterhin verwehrt blieben.

Women's Auxiliary Ferrying Squadron (WAFS) pilots, March 7, 1943
Women’s Auxiliary Ferrying Squadron (WAFS) pilots, March 7, 1943

Ein Beispiel dafür sind die Women Airforce Service Pilots (WASP), die auch im Roman eine Rolle spielen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden in den USA aufgrund des Mangels an männlichen Piloten Frauen eingesetzt, die unter anderem Flugzeuge überführten und testeten. Sie flogen nahezu alle Flugzeugtypen des damaligen US-Militärs, darunter schwere Bomber und schnelle Jagdflugzeuge. Insgesamt schlossen 1.074 Frauen das WASP-Ausbildungsprogramm ab, 38 Frauen starben während ihrer Ausbildung oder im Einsatz.

Trotz ihrer Leistungen wurde das Programm 1944 aufgelöst, nachdem der Kongress eine Eingliederung der WASP in das Militär abgelehnt hatte. Erst 1977 erhielten die ehemaligen Pilotinnen offiziell Veteranenstatus.

Dieser historische Hintergrund macht die Widerstände, mit denen Elma und die anderen Frauen im Roman konfrontiert werden, für mich noch frustrierender. Frauen hatten längst bewiesen, dass sie anspruchsvolle und gefährliche Flugzeuge beherrschen konnten, und mussten dennoch erneut um die Anerkennung ihrer Fähigkeiten kämpfen.

Ähnlich ging es mir mit Elmas Arbeit als sogenannter „Computer“. Heute denken wir dabei automatisch an eine Maschine, tatsächlich bezeichnete der Begriff aber lange Zeit Menschen, die mathematische Berechnungen durchführten. Bei der NACA und später der NASA waren darunter zahlreiche Frauen.

Unweigerlich musste ich deshalb beim Lesen an den Film Hidden Figures denken. Frauen wie Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson arbeiteten als Mathematikerinnen und sogenannte „Human Computers“ für die amerikanische Luft- und Raumfahrt. Katherine Johnson berechnete unter anderem die Flugbahn für Alan Shepards Raumflug, überprüfte die Orbitaldaten für John Glenns Mission und war auch an Berechnungen für die Apollo-Missionen beteiligt.

Diese Frauen waren keine nachträglich hinzugefügten Figuren in der Geschichte der Raumfahrt, sondern längst ein unverzichtbarer Teil davon. Trotzdem standen sie häufig im Schatten der Männer, die ins All flogen und dafür die öffentliche Anerkennung erhielten.

Kowal greift diese historische Realität auf und führt sie einen entscheidenden Schritt weiter: Was passiert, wenn eine dieser hochqualifizierten Frauen nicht länger nur die Flugbahn berechnen, sondern selbst ins All fliegen möchte?

Wenn selbst die Bezeichnung „Astronautin“ zum Problem wird

Ein Aspekt, der mich beim Lesen besonders aufgeregt hat, war der Umgang mit Elmas Leistungen, nachdem sie sich für ein Astronautinnenprogramm eingesetzt hat. Anstatt sie einfach als Astronautin anzuerkennen, wird sie als „Lady Astronaut“ bezeichnet.

Dieser Ausdruck hat mich unglaublich wütend gemacht, weil er ihre Leistung in meinen Augen bewusst herabsetzt. Während ein männlicher Astronaut selbstverständlich als kompetenter Wissenschaftler/ Raumfahrer/Pilot/Ingenieur wahrgenommen wird, klingt „Lady Astronaut“ für mich nach einer Frau, die auch einmal Astronautin spielen darf.

Dabei zeigt sich für mich, wie sehr Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst. Beide Begriffe bezeichnen eine Frau, die als Astronautin arbeitet, erzeugen aber völlig unterschiedliche Bilder. Die zusätzliche Bezeichnung „Lady“ macht aus einer beruflichen Qualifikation plötzlich etwas vermeintlich Besonderes, das von der männlichen Norm abweicht.

Man kann vom Gendern halten, was man möchte, aber für mich unterstreicht dieses Beispiel noch einmal, welchen Einfluss Sprache darauf hat, welche Fähigkeiten wir Menschen zuschreiben und wie ernst wir sie nehmen.

Fazit

Die Berechnung der Sterne verbindet für mich gleich mehrere Dinge, die ich gerne lese: Wissenschaft, Raumfahrt, alternative Geschichte und eine Protagonistin, die sich gegen gesellschaftliche Grenzen stemmt.

Besonders gelungen fand ich, wie Kowal die fiktive Entwicklung der Raumfahrt mit realen historischen Gegebenheiten verknüpft. Die Geschichte der WASP-Pilotinnen und der Mathematikerinnen der späteren NASA zeigt, dass die Grundidee des Romans gar nicht so weit von unserer tatsächlichen Geschichte entfernt ist.

Gleichzeitig hat mich das Buch immer wieder traurig und wütend gemacht, weil Frauen trotz ihrer nachgewiesenen Fähigkeiten gesellschaftliche Grenzen gesetzt wurden, die Männer nicht überwinden mussten. Dass selbst eine existenzielle Bedrohung für die gesamte Menschheit nicht ausreicht, um diese Rollenbilder selbstverständlich hinter sich zu lassen, macht die Geschichte umso eindrücklicher.

Vor allem aber mochte ich Elma als Protagonistin, weil sie keine makellose Heldin ist. Sie ist unglaublich klug, manchmal unbeholfen, gelegentlich fast ein bisschen zu angepasst und kämpft mit massiven Ängsten. Trotzdem findet sie den Mut, für ihre Ambitionen einzustehen und gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen.

Für mich ist „Die Berechnung der Sterne“ deshalb nicht nur eine Geschichte über den Aufbruch der Menschheit ins All, sondern auch über die Frage, wer überhaupt die Möglichkeit bekommt, an diesem Aufbruch teilzunehmen.

Buchdetails

„Die Berechnung der Sterne“ von Mary Robinette Kowal
Osterworld Audio – 03.01.2022 (Hier geht’s zur Verlagsseite🔗)
Hörbuch – 891 Minuten


Hinweise

Rezension: ©alienicious 2026

Das rezensierte Buch habe ich selber erworben.

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