Rezension: „Siren“ von Kiera Cass

Kahlens Familie kommt bei einem Schiffsunglück ums Leben. Sie selbst wird als Einzige gerettet – von drei betörenden jungen Frauen: Sirenen. Wunderschön und unsterblich. Von nun an ist Kahlen eine von ihnen. Scheinbar ein ganz normales Mädchen, doch ihr Leben gehört dem Meer. Jeder Mensch, der ihre Stimme hört, muss sterben. Und so schweigt sie. Bis sie Akinli begegnet, einem jungen Studenten, der Kahlen auch völlig ohne Worte versteht. Nach nur wenigen Stunden haben nicht nur ihre Herzen, sondern auch ihre Seelen zu einander gefunden. Und als Akinli schwer erkrankt, droht auch der eigentlich unsterblichen Kahlen der Tod. (Cover und Text: Fischer Verlag →)

Meine Meinung

Siren ist ein Roman voller junger weiblicher Protagonistinnen, einer zarten Liebesgeschichte und einer Menge Tragik und Verderben. Vorab möchte ich sagen, dass ich die Geschichte in ihrer Idee super schön fand, in der Umsetzung hatte die Geschichte für mich allerdings Lücken was die Motive der Figuren angeht.

Prolog (Seite 5) – erster Satz

Schon seltsam, woran man festhält, was einem im Gedächtnis bleibt, wenn alles endet.

Vorgeschichte

Kahlen, die Protagonistin, wird in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Sirene. Sie ist mit ihren Eltern auf einer Seeüberfahrt, als ein Unwetter über sie herein bricht und ein mysteriöser Gesang die Menschen über Bord lockt. Nur sie wird vor die Wahl gestellt: Sterben oder als Sirene weiterleben. Kahlen wird von der See gerettet und nach 80 Jahren in ihrem Dienst erhalten wir einen Einblick in ihr Leben.

Sirenen, mythische Fabelwesen

Der Roman hat mich eingangs angesprochen weil ich mythische Fabelwesen total spannend finde. Besonders wenn diese mythischen Kreaturen in einen modernen Kontext gesteckt werden. Ursprünglich kommen die Sirenen aus der griechischen Mythologie. Wikipedia beschreibt Sirenen wie folgt:
Eine Sirene […] ist in der griechischen Mythologie ein meist weibliches, […] Fabelwesen (Mischwesen aus ursprünglich Mensch und Vogel […]), das durch seinen betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten. (Quelle: Wikipedia → ).

Kiera Cass‘ Interpretation der mythischen Wesen sind junge Frauen, die von der See in Sirenen verwandelt werden und ihr 100 Jahre dienen müssen. Die See wird hierbei als anthropomorphes Wesen dargestellt, mit Gefühlen und Motiven. Aber dazu später mehr. Die Sirenen, wunderschön und tödlich, singen für die See und locken so Besatzungen von Fischerbooten und Kreuzfahrten in die dunklen Wellen der Ozeane und den Tod im kalten Wasser.

Die See und ihre Sklaven

Die See wird in „Siren“ als ein anthropomorphes Wesen mit eigener Intelligenz, mit eigenen Emotionen und einer eigenen Agenda dargestellt. Soweit so spannend. Sie kann alles beherrschen, was auch nur in ihre Nähe kommt und fordert von ihren Sirenen Opfer ein. Die Prämisse ist: sie sucht sich junge Frauen, die sie verwandelt. Nach der Verwandlung verlieren die Frauen nach und nach ihre Erinnerung an ihr altes Leben und können nun schwimmen wie Fische, unter Wasser atmen, ihr tödliches und wunderschönes Lied singen und ihr Alterungsprozess setzt für 100 Jahre aus. Ihre Stimme ist nun ein tödliches Instrument. Um ihre Identitäten und die Menschen um sich herum zu schützen sind sie in deren Anwesenheit zum Stillschweigen verdammt. Im Gegenzug für Stärke, lange Jugend und ein ungebundenes, aufregendes Leben ist die Aufgabe der Sirenen für die See zu singen, um so Opfer in den Tod zu locken. Nach einhundert Jahren (der Versklavung) werden die jungen Frauen in Menschen zurückverwandelt, verlieren wiederum ihre Erinnerung an das Sirenen-Leben und altern ab dem Zeitpunkt wieder ganz normal. (Komplizierte Sache!)

Die undurchsichtigen Motive

Und da kommen wir zu meinem persönlichen Knackpunkt: Wie beschrieben fehlt mir die Basis warum die See Opfer fordert und somit ist mir das ganze Buch über nicht klar geworden warum die Mädchen der See gehorchen sollten. Es gibt keine Erklärung warum die Mädchen zu Massenmörderinnen werden sollten, außer ihr eigenes Leben zu schützen. Natürlich ist der eigene Überlebensinstinkt eine starke Triebfeder, jedoch sind 100 Jahre lang von der See versklavt zu werden und tausende von Menschen zu töten, gute Gründe sich der See entgegen zu setzen. Darüber hinaus haben die Mädchen, manche mehr manche weniger, sogar wohlige bis liebevolle Gefühle der See gegenüber. Sie wird mit der Rolle einer Mutter verglichen. Für mich wird hier ein Bild von völlig naiven Mädchen gezeichnet, die für lange Jugend und ein aufregendes Leben tausende Tode akzeptieren, oder die einer völligen Gehirnwäsche unterzogen wurden.

Kapitel 18 (Seite 221) – Die See spricht zu Kahlen

[Die See:] Denkst du, ich genieße es zu töten?
[Kahlen:] Ich hob den Kopf. Was?
[Die See:] Es bereitet mir keine Freude, dich zu bestrafen oder Menschen das Leben zu nehmen. Ich tue, was ich muss, um zu überleben. Ich würde nicht nur kein Vergnügen an deinem Tod finden, ich würde um dich trauern. Nach all der Zeit musst du doch wissen, wie viel du mir bedeutest.

In diesem Zitat spricht die See zu Kahlen, weil diese sich ihren Befehlen widersetzt hat. Sie macht Kahlen ein schlechtes Gewissen, beteuert ihr sogar ihre Zuneigung, und dass sie eigentlich gar nichts dafür kann. Sie muss schließlich überleben! Doch wieder wird kein Grund angegeben warum die Toten der See das Überleben garantieren? Frisst sie die Menschen als Nahrung? Keine Ahnung, es wird nichts darüber gesagt wie beides zusammenhängen soll! Die Natur der See als Wesen mit Bewusstsein wird nicht soweit erklärt, dass es einen nachvollziehbaren Grund gibt, warum hunderte Menschenopfer pro Jahr nötig sind.

Selbstjustiz

Und reichen diese vielen Toten noch nicht aus, die sie ohne sich gegen die See zu stellen opfern, werden die Mädchen nun auch noch abseits der See zu eiskalten Mörderinnen, als sie die Familie einer ihrer Sirenen töten. Die Familie der Sirene, hat das Mädchen in ihrem früheren Leben misshandelt. So wird neben Massenmord, auch Selbstjustiz als Mittel der Wahl vorgeschlagen. (Ohne sagen zu wollen dass Misshandlung nicht bestrafenswert ist, nur sollte dies eben durch rechtsstaatliche Mittel und Wege geschehen.) Insgesamt fand ich diesen Handlungsstrang etwas plump.

Versönliches: Kahlens innerer Kampf und eine zarte Liebesgeschichte

Nachdem ich jetzt berichtet habe welche Motive die See verfolgt, steht dem entgegen Kahlens innerer Kampf. Sie ist ein sehr zwiespältiger Charakter. Auf der einen Seite zieht sie ihre Aufgabe als Sirene in tiefe Trauer, auf der anderen Seite jedoch bringt sie der See liebevolle Gefühle entgegen. Sie ist innerlich zerrissen und sehnt das Ende ihrer Sirenenzeit herbei. Dies wirkte auf mich wie das Stockholm Syndrom (ohne da eine psychologisch fundierte Aussage treffen zu wollen und zu können!)
Wikipedia beschreibt das Stockholm-Syndrom wie folgt: „Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ (Quelle hier →) Klingt nach Kahlen und der See!

Kapitel 2 (Seite 37) – Kahlens Gedanken über die See

Manchmal nahm Sie mich zu einer Insel mit oder Sie zeigte mir die schönsten Facetten Ihrer selbst, so leicht verborgen vor den menschen. An anderen Tagen wusste Sie, dass Sie mir am besten half, indem Sie mich eine Weile allein ließ. Aber ich wollte nie lange von Ihr getrennt bleiben. Sie war die einzige Mutter, die ich noch hatte.
Teils Mutter, teils Schutzherrin, teils Arbeitgeberin… unsere Beziehung war schwer zu beschreiben.

Ihre Treue der See gegenüber wird dann auf die Probe gestellt, als sie Akinli kennenlernt. Er ist Student und überrascht sie mit seiner aufgeschlossenen und unbeschwerten Art, obwohl sie stumm ist wie ein Fisch. Sie verliebt sich in ihn, weiß jedoch dass es ihr nicht erlaubt ist mit ihm zusammen zu sein. So schnell diese zarte Liebe angefangen hat, so schnell bricht sie (zunächst einmal) auch wieder ab, als Kahlen und die anderen Mädchen ihre Koffer packen und weiterziehen.
Hier habe ich gedacht, der Zeitpunkt ist gut gewählt für die Geschichte: nach 80 Jahren Dienst, sind also noch 20 übrig, genug damit es eine dramatische Wendung wird, wenig genug, damit sie auch nach den 20 Jahren zusammen finden könnten. Dennoch fand ich es unrealistisch, dass dies nach 80 Jahren Kahlens erstes Zusammentreffen mit einem Menschen sein sollte, für den sie Gefühle entwickelt. Ich meine 80 Jahre sind eine lange Zeit!
Nachdem Kahlen von Akinli getrennt ist, merkt sie wie stark ihre Gefühle sind, und dass sie ihn unbedingt wieder sehen möchte. Sie widersetzt sich der See und trifft ihn. Ein Zwischenfall jedoch führt dazu dass sie ihn endgültig zu verlieren scheint, doch eine mysteriöse Krankheit gibt der Geschichte dann eine unerwartete Wendung. (Mehr will ich an dieser Stelle nicht spoilern!! :))

Trotz aller Kritik an der See und ihren Motiven, ist die Liebesgeschichte zwischen Kahlen und Akinli der rote Faden um den sich die Geschichte spinnt. Sie ist zart und süß und herzallerliebst. Sie nimmt eine spannende Wendung und ein versönliches Ende.

Fazit

Wie eingangs erwähnt finde ich die Idee des Buches toll und spannend, die Umsetzung ist in meinen Augen jedoch etwas löchrig. Mir wurde das ganze Buch über nicht klar, aus welcher Intention heraus die Mädchen so viele Tode in Kauf nehmen und sich im nächsten Moment überlegen welche Party sie als nächstes besuchen wollen. Mir hat schlicht die Erklärung gefehlt warum die See Opfer sucht und dies hat die ganze Geschichte für mich überschattet. Selbst die süße und spannende Liebesgeschichte zwischen Kahlen und Akinli konnte diesen Umstand für mich nicht wett machen.

Details:

„Siren“ – Kiera Cass

Fischer Tor Verlag – 13.10.2016

Hardcover € 12,99

Verlagsseite →

©alienicious 2020


Hinweise:

Das rezensierte Buch habe ich in einer Verlosung auf Lovelybooks.de gewonnen. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

Links:
Sirenen – Wikipedia →
Stockholm-Syndrom – Wikipedia →

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