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Rezension: „Siren“ von Kiera Cass

Kahlens Familie kommt bei einem Schiffsunglück ums Leben. Sie selbst wird als Einzige gerettet – von drei betörenden jungen Frauen: Sirenen. Wunderschön und unsterblich. Von nun an ist Kahlen eine von ihnen. Scheinbar ein ganz normales Mädchen, doch ihr Leben gehört dem Meer. Jeder Mensch, der ihre Stimme hört, muss sterben. Und so schweigt sie. Bis sie Akinli begegnet, einem jungen Studenten, der Kahlen auch völlig ohne Worte versteht. Nach nur wenigen Stunden haben nicht nur ihre Herzen, sondern auch ihre Seelen zu einander gefunden. Und als Akinli schwer erkrankt, droht auch der eigentlich unsterblichen Kahlen der Tod. (Cover und Text: Fischer Verlag →)

Meine Meinung

Siren ist ein Roman voller junger weiblicher Protagonistinnen, einer zarten Liebesgeschichte und einer Menge Tragik und Verderben. Vorab möchte ich sagen, dass ich die Geschichte in ihrer Idee super schön fand, in der Umsetzung hatte die Geschichte für mich allerdings Lücken was die Motive der Figuren angeht.

Prolog (Seite 5) – erster Satz

Schon seltsam, woran man festhält, was einem im Gedächtnis bleibt, wenn alles endet.

Vorgeschichte

Kahlen, die Protagonistin, wird in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Sirene. Sie ist mit ihren Eltern auf einer Seeüberfahrt, als ein Unwetter über sie herein bricht und ein mysteriöser Gesang die Menschen über Bord lockt. Nur sie wird vor die Wahl gestellt: Sterben oder als Sirene weiterleben. Kahlen wird von der See gerettet und nach 80 Jahren in ihrem Dienst erhalten wir einen Einblick in ihr Leben.

Sirenen, mythische Fabelwesen

Der Roman hat mich eingangs angesprochen weil ich mythische Fabelwesen total spannend finde. Besonders wenn diese mythischen Kreaturen in einen modernen Kontext gesteckt werden. Ursprünglich kommen die Sirenen aus der griechischen Mythologie. Wikipedia beschreibt Sirenen wie folgt:
Eine Sirene […] ist in der griechischen Mythologie ein meist weibliches, […] Fabelwesen (Mischwesen aus ursprünglich Mensch und Vogel […]), das durch seinen betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten. (Quelle: Wikipedia → ).

Kiera Cass‘ Interpretation der mythischen Wesen sind junge Frauen, die von der See in Sirenen verwandelt werden und ihr 100 Jahre dienen müssen. Die See wird hierbei als anthropomorphes Wesen dargestellt, mit Gefühlen und Motiven. Aber dazu später mehr. Die Sirenen, wunderschön und tödlich, singen für die See und locken so Besatzungen von Fischerbooten und Kreuzfahrten in die dunklen Wellen der Ozeane und den Tod im kalten Wasser.

Die See und ihre Sklaven

Die See wird in „Siren“ als ein anthropomorphes Wesen mit eigener Intelligenz, mit eigenen Emotionen und einer eigenen Agenda dargestellt. Soweit so spannend. Sie kann alles beherrschen, was auch nur in ihre Nähe kommt und fordert von ihren Sirenen Opfer ein. Die Prämisse ist: sie sucht sich junge Frauen, die sie verwandelt. Nach der Verwandlung verlieren die Frauen nach und nach ihre Erinnerung an ihr altes Leben und können nun schwimmen wie Fische, unter Wasser atmen, ihr tödliches und wunderschönes Lied singen und ihr Alterungsprozess setzt für 100 Jahre aus. Ihre Stimme ist nun ein tödliches Instrument. Um ihre Identitäten und die Menschen um sich herum zu schützen sind sie in deren Anwesenheit zum Stillschweigen verdammt. Im Gegenzug für Stärke, lange Jugend und ein ungebundenes, aufregendes Leben ist die Aufgabe der Sirenen für die See zu singen, um so Opfer in den Tod zu locken. Nach einhundert Jahren (der Versklavung) werden die jungen Frauen in Menschen zurückverwandelt, verlieren wiederum ihre Erinnerung an das Sirenen-Leben und altern ab dem Zeitpunkt wieder ganz normal. (Komplizierte Sache!)

Die undurchsichtigen Motive

Und da kommen wir zu meinem persönlichen Knackpunkt: Wie beschrieben fehlt mir die Basis warum die See Opfer fordert und somit ist mir das ganze Buch über nicht klar geworden warum die Mädchen der See gehorchen sollten. Es gibt keine Erklärung warum die Mädchen zu Massenmörderinnen werden sollten, außer ihr eigenes Leben zu schützen. Natürlich ist der eigene Überlebensinstinkt eine starke Triebfeder, jedoch sind 100 Jahre lang von der See versklavt zu werden und tausende von Menschen zu töten, gute Gründe sich der See entgegen zu setzen. Darüber hinaus haben die Mädchen, manche mehr manche weniger, sogar wohlige bis liebevolle Gefühle der See gegenüber. Sie wird mit der Rolle einer Mutter verglichen. Für mich wird hier ein Bild von völlig naiven Mädchen gezeichnet, die für lange Jugend und ein aufregendes Leben tausende Tode akzeptieren, oder die einer völligen Gehirnwäsche unterzogen wurden.

Kapitel 18 (Seite 221) – Die See spricht zu Kahlen

[Die See:] Denkst du, ich genieße es zu töten?
[Kahlen:] Ich hob den Kopf. Was?
[Die See:] Es bereitet mir keine Freude, dich zu bestrafen oder Menschen das Leben zu nehmen. Ich tue, was ich muss, um zu überleben. Ich würde nicht nur kein Vergnügen an deinem Tod finden, ich würde um dich trauern. Nach all der Zeit musst du doch wissen, wie viel du mir bedeutest.

In diesem Zitat spricht die See zu Kahlen, weil diese sich ihren Befehlen widersetzt hat. Sie macht Kahlen ein schlechtes Gewissen, beteuert ihr sogar ihre Zuneigung, und dass sie eigentlich gar nichts dafür kann. Sie muss schließlich überleben! Doch wieder wird kein Grund angegeben warum die Toten der See das Überleben garantieren? Frisst sie die Menschen als Nahrung? Keine Ahnung, es wird nichts darüber gesagt wie beides zusammenhängen soll! Die Natur der See als Wesen mit Bewusstsein wird nicht soweit erklärt, dass es einen nachvollziehbaren Grund gibt, warum hunderte Menschenopfer pro Jahr nötig sind.

Selbstjustiz

Und reichen diese vielen Toten noch nicht aus, die sie ohne sich gegen die See zu stellen opfern, werden die Mädchen nun auch noch abseits der See zu eiskalten Mörderinnen, als sie die Familie einer ihrer Sirenen töten. Die Familie der Sirene, hat das Mädchen in ihrem früheren Leben misshandelt. So wird neben Massenmord, auch Selbstjustiz als Mittel der Wahl vorgeschlagen. (Ohne sagen zu wollen dass Misshandlung nicht bestrafenswert ist, nur sollte dies eben durch rechtsstaatliche Mittel und Wege geschehen.) Insgesamt fand ich diesen Handlungsstrang etwas plump.

Versönliches: Kahlens innerer Kampf und eine zarte Liebesgeschichte

Nachdem ich jetzt berichtet habe welche Motive die See verfolgt, steht dem entgegen Kahlens innerer Kampf. Sie ist ein sehr zwiespältiger Charakter. Auf der einen Seite zieht sie ihre Aufgabe als Sirene in tiefe Trauer, auf der anderen Seite jedoch bringt sie der See liebevolle Gefühle entgegen. Sie ist innerlich zerrissen und sehnt das Ende ihrer Sirenenzeit herbei. Dies wirkte auf mich wie das Stockholm Syndrom (ohne da eine psychologisch fundierte Aussage treffen zu wollen und zu können!)
Wikipedia beschreibt das Stockholm-Syndrom wie folgt: „Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ (Quelle hier →) Klingt nach Kahlen und der See!

Kapitel 2 (Seite 37) – Kahlens Gedanken über die See

Manchmal nahm Sie mich zu einer Insel mit oder Sie zeigte mir die schönsten Facetten Ihrer selbst, so leicht verborgen vor den menschen. An anderen Tagen wusste Sie, dass Sie mir am besten half, indem Sie mich eine Weile allein ließ. Aber ich wollte nie lange von Ihr getrennt bleiben. Sie war die einzige Mutter, die ich noch hatte.
Teils Mutter, teils Schutzherrin, teils Arbeitgeberin… unsere Beziehung war schwer zu beschreiben.

Ihre Treue der See gegenüber wird dann auf die Probe gestellt, als sie Akinli kennenlernt. Er ist Student und überrascht sie mit seiner aufgeschlossenen und unbeschwerten Art, obwohl sie stumm ist wie ein Fisch. Sie verliebt sich in ihn, weiß jedoch dass es ihr nicht erlaubt ist mit ihm zusammen zu sein. So schnell diese zarte Liebe angefangen hat, so schnell bricht sie (zunächst einmal) auch wieder ab, als Kahlen und die anderen Mädchen ihre Koffer packen und weiterziehen.
Hier habe ich gedacht, der Zeitpunkt ist gut gewählt für die Geschichte: nach 80 Jahren Dienst, sind also noch 20 übrig, genug damit es eine dramatische Wendung wird, wenig genug, damit sie auch nach den 20 Jahren zusammen finden könnten. Dennoch fand ich es unrealistisch, dass dies nach 80 Jahren Kahlens erstes Zusammentreffen mit einem Menschen sein sollte, für den sie Gefühle entwickelt. Ich meine 80 Jahre sind eine lange Zeit!
Nachdem Kahlen von Akinli getrennt ist, merkt sie wie stark ihre Gefühle sind, und dass sie ihn unbedingt wieder sehen möchte. Sie widersetzt sich der See und trifft ihn. Ein Zwischenfall jedoch führt dazu dass sie ihn endgültig zu verlieren scheint, doch eine mysteriöse Krankheit gibt der Geschichte dann eine unerwartete Wendung. (Mehr will ich an dieser Stelle nicht spoilern!! :))

Trotz aller Kritik an der See und ihren Motiven, ist die Liebesgeschichte zwischen Kahlen und Akinli der rote Faden um den sich die Geschichte spinnt. Sie ist zart und süß und herzallerliebst. Sie nimmt eine spannende Wendung und ein versönliches Ende.

Fazit

Wie eingangs erwähnt finde ich die Idee des Buches toll und spannend, die Umsetzung ist in meinen Augen jedoch etwas löchrig. Mir wurde das ganze Buch über nicht klar, aus welcher Intention heraus die Mädchen so viele Tode in Kauf nehmen und sich im nächsten Moment überlegen welche Party sie als nächstes besuchen wollen. Mir hat schlicht die Erklärung gefehlt warum die See Opfer sucht und dies hat die ganze Geschichte für mich überschattet. Selbst die süße und spannende Liebesgeschichte zwischen Kahlen und Akinli konnte diesen Umstand für mich nicht wett machen.

Details:

„Siren“ – Kiera Cass

Fischer Tor Verlag – 13.10.2016

Hardcover € 12,99

Verlagsseite →

©alienicious 2020


Hinweise:

Das rezensierte Buch habe ich in einer Verlosung auf Lovelybooks.de gewonnen. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

Links:
Sirenen – Wikipedia →
Stockholm-Syndrom – Wikipedia →

Rezension: „Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann“ von Alex Wheatle

Inhalt

Ein herzzerreißender und hoffnungsvoller Roman über die erste Liebe, das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen und die Kraft und Liebe, die alle jungen Mädchen brauchen.

Mo Baker ist fünfzehn und ziemlich wütend. Ständig streitet sie sich mit ihrer Mutter, die sich nur um ihre eigenen Probleme kümmert und jetzt auch noch diesen neuen Freund hat, den Mo einfach nur daneben findet. Lloyd ist für sie nur ein weiterer Kerl, der Frauen schlägt und ihr Geld verprasst. Der einzige Lichtblick in ihrem Leben ist Sam, ihr Kindheitsfreund, dem sie sich so nah fühlt wie keinem anderen Menschen auf der Welt und mit dem sie in den Sommerferien endlich was hatte. Doch Sam hat inzwischen eine Andere. Zum Glück halten ihre besten Freundinnen Elaine und Naomi zu ihr, egal was ist oder kommen mag. Selbst als die Situation mit Lloyd eskaliert und in Mo nur noch der Wunsch nach Rache brennt …

(Cover-, Text- und Zitatrecht: Kunstmann Verlag)

Meine Meinung

„MUM! WIESO HAST DU ihm erlaubt, dass er sich mein Essensgeld nimmt?“

Erster Satz, Seite 5

Das Cover hat mich sehr angezogen. Ich finde diesen stilisierten Stil sehr gelungen und es drückt genau das aus was sich beim lesen dann auch so bestätigt hat: Die drei Mädels sehen cool und lässig auf etwas / jemanden hinunter, was ich als die ganze Situation empfunden habe in der sie sich befinden und mit der sie sich wirklich nicht abfinden werden!

Mo (Maureen) lebt in einer Gegend, die man als sozial schwach bis kriminell beschreiben kann. Sie ist selbstsicher, stark und wirkt äußerlich ziemlich abgebrüht. Auch ihre Art sich auszudrücken, ist durchsetzt von einer Menge cooler Sprüche und schlagfertiger Erwiderungen. Doch ihre harte Schale hat sie sich nicht ohne Grund aufgebaut. Die Beziehung zu ihrere Mutter war schon immer etwas wackelig, doch ihr neuer Freund bringt das Fass zum überlaufen. Maureens Mutter ist teilnahmslos, sie verkriecht sich in ihrem Bett, lebt nur noch für ihren Freund. Mo kann schauen wo sie bleibt, woher sie Essen bekommt und wer sich um sie kümmert, denn Maureens Mutter feiert lieber mit ihrem Freund, und verliert sich in der Illusion, dass sie endlich den perfekten Mann und Vater für Mo gefunden hätte. Denn perfekt ist an diesem Kerl Nichts! Von seinem schlechten Einfluss auf die Mutter abgesehen, nimmt er Mo das Essensgeld und wird als Krönung des Ganzen auch noch handgreiflich und schlägt Mo.

Mo ist tief gekränkt, dass ihre Mutter sich so von ihr abwendet und einen Kinderschläger ihr vorzieht. Halt findet Mo bei ihren Freundinnen und ihrem Kindheitsfreund und Seelenverwandten Sam. Neben den Problemen mit ihrer Mutter stecken Mo und ihre Freundinnen auch in ganz normalen Jugendproblemen: Jungs, Aussehen, Feiern gehen, die eigene Freiheit vs. Regeln.

Doch was ich trotzdem wahnsinnig toll fand ist, dass Mo sich nicht in ihre scheinbar verlorene Zukunft fügt, sondern rebelliert und willensstark ist. Sie ist klug und will ihre Situation ändern, deshalb fängt sie in der Schule an und schreibt gute Noten. Sie fügt sich nicht der Gewalt durch den Freund ihrer Mutter, sie lässt sich nicht unterkriegen, weil sie in einer schlimmen Gegend wohnt. Sie lässt sogar Sam ihrem Freund seit Kindertagen nichts durchgehen. Nachdem Mo und Sam mehr als Freundschaft für einander entdeckt haben, hat er die zarten Anfänge schnell wieder im Keim erstickt. Auch das knickt Mo ziemlich heftig, aber Sam ist dennoch bedingungslos für sie da. Was für Mo Halt bedeutet, aber die Geschichte noch in eine unerwartete Richtung führt.

Wie sollte ich in seinem Zimmer übernachten? Das wäre, als würde man einen Schokojunkie zur Pyjamaparty in der Süßwarenfabrik einladen.

Seite 73

Mir ging das Buch wirklich nah und hat mich immer wieder zum Grübeln gebracht, weil Mo und ihre Freundinnen so authentisch und lebendig gestaltet sind. Außerdem ist die Handlung wahnsinnig spannend und hat mich sehr gefesselt. Ihre Gefühle: Verzweiflung, Aussichtslosigkeit, aber auch Entschlossenheit und Liebe kamen so deutlich durch. Und das schiere Pech was Mo erleben muss hat mich beschäftigt. „herzzerreißend und hoffnungsvoll“ wie der Roman beschrieben, so habe ich es auch erlebt.

Das einzige was ich mir gewünscht hätte wäre, von Sam noch mehr zu erfahren. Denn er hat eine sehr wichtige Rolle gespielt, ist gefühlt aber doch etwas in den Hintergrund gerutscht.

Fazit

Mich hat das Buch komplett überzeugt. Eine spannende Geschichte, die auch schwere Themen anspricht, vielschichtige Charaktere, eine Sprache die die Handlung widerspiegelt und unterstützt. Ein Buch was zum nachdenken anregt, was mich über die Seiten hinaus beschäftigt und bewegt hat.

 

 

 

Zitate

Einige der Spüche die ich total super fand:

„Nein, jetzt hörst du mir zu“, würgte ich ihn ab. „Wenn dein Mädchen Warzen kotzt, nur weil du hin und wieder bei mir vorbeischaust, dann mach dir nicht die Mühe, noch mal an meine Pforte zu klopfen. Ich mein’s erst“

Seite 18

„[…] schieb deinen ungehobelten Bauernarsch aus meinem Blickfeld und deine Achseln aus meinem Riechbereich!“

Seite 47

Super, solider Muskeltyp, aber stiller als ein Mönchfurz!

Seite 47

Beide sahen mich an, als hätte ich ihnen auf ihre Valentinstagskarten gekackt.

Seite 56

„Vom Pastor?“, wiederholte ich. „Was ist denn ein Pastor? Ist das der, der die Zahnpasta in die Tube drückt?“

Seite 86

„Wasch dir den Kopf von innen, Mo, ich weiß nämlich was du denkst!“

Seite 87

 

Details:

„Wer braucht ein Herz wenn es gebrochen werden kann“ – Alex Wheatle

Kunstmann Verlag – 03.2019

Hardcover € 18

ISBN 978-3-95614-286-4

Verlagsseite →

Das Buch bei Amazon →*

 

©alienicious 2019


Hinweise:

Das rezensierte Buch habe ich im Rahmen einer Leserunde auf lovelybooks.de erhalten.

Hier gehts zur Leserunde →  und hier zu meinem Profil →

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Rezension: „Das Heim“ von Mats Strandberg

Inhalt

Zum ersten Mal nach zwanzig Jahren kehrt Joel zurück in sein Heimatstädtchen an der schwedischen Westküste, um seine demenzkranke Mutter zu pflegen. Seit ihrem Infarkt ist Monika nicht mehr dieselbe, und schweren Herzens bringt Joel sie im Seniorenheim unter, wo sie sich zunächst zu erholen scheint.
Doch schon bald verschlechtert sich Monikas Zustand: Sie magert ab. Wird ausfallend. Und spricht dunkle Geheimnisse aus, von denen sie eigentlich gar nichts wissen kann. Manche der Alten halten sie deshalb für einen Engel, andere für einen Dämon, und auch auf Joel wirkt seine Mutter, als wäre sie nicht sie selbst.
Eine von Monikas Pflegerinnen ist Joels Jugendfreundin Nina. Seit zwanzig Jahren haben die beiden nicht miteinander gesprochen, und so schmerzhaft sich ihre Wege damals getrennt haben, so schmerzhaft ist jetzt ihr Wiedersehen.
Und als sich die beklemmenden Vorkommnisse im Heim häufen, findet Joel ausgerechnet in Nina eine Verbündete, um dem Grauen entgegenzutreten.

(Cover-, Text- und Zitatrecht: Fischer Tor Verlag)

Meine Meinung

„Er lauscht angespannt.“

Seite 7 – Erster Satz im Buch

Das hübsche Cover mit dem Makel

Ich sah das Cover und hab dem Buch eine Chance gegeben. Wäre das Buch ein Mensch wäre ich jetzt ziemlich oberflächlich! Das Cover finde ich jedenfalls sehr überzeugend: düster, kühl und der Blick der Dame ist äußerst verstörend! Das einzige wirklich dumme Manko an dem Cover des Buches ist, dass die Iris in Hochglanz gedruckt ist, im Gegensatz zum restlichen Cover, welches matt gedruckt ist. Ich finde es nicht gelungen, denn das Licht und die Perspektive müssen schon arg stimmen damit es einen guten Effekt erzielt und die Augen betont. Die restliche Zeit sind da diese kleckse in den Augen und es zerstört den fiesen Blick der Frau. Gute Idee, aber praktisch nicht so gelungen.

Jugendfreunde

Schon auf dem Cover des Buches verkündet ein knallgelber Sticker, dass Mats Strandberg „Der schwedische Stephen King“ sei, solche Sticker sind so nichtssagend… deshalb bin ich ziemlich frei von Erwartungen an das Buch herangegangen.“Das Heim“ wird aus der Perspektive von Joel und Nina erzählt. Joel ist nach seiner Schulzeit aus seiner Heimat geflohen: auf der Suche nach Erfolg mit seiner Musik, fort aus seinem ruhigen Heimatstädtchen und fort von seiner Mutter. Doch der Erfolg blieb aus und seine Geschichte nahm eine Wendung Bergab. Drogen, flüchtige Bekanntschaften und wechselnde Jobs prägen sein Leben. Ganz im Gegensatz zu seinem perfekten Bruder mit seiner perfekten Familie. Doch als seine Mutter nach einem Herzinfarkt die Diagnose Demenz bekommt, kehrt er zurück und pflegt sie bis es so schlimm wird, dass er sie in ein Heim, dem „Nebelfenn“, unterbringt.

Joel ist so schmerzerfüllt und traurig. Er ist als Charakter sehr authentisch und erfüllt von inneren Konflikten: vom Alleinsein, von der Ziellosigkeit seines Lebens, von alten Päckchen die er mit sich rum trägt und mit denen er nie Frieden geschlossen hat. Eins dieser „Päckchen“ ist Nina. Seine beste Freundin aus seiner Jugend. 20 Jahre lang hatte er keinen Kontakt zu ihr, nachdem sie im Streit auseinander sind. Als sie sich wiedersehen reißt die Begegnung alte Wunden auf, und Joel ist wegen seiner Mutter eh schon in einer schlechten Verfassung. Auch für Nina ist es ein Schock. Sie wirkt als hätte sie es sich in ihrem Leben gemütlich gemacht. Ein Mann, ein Sohn und ein guter Job. Der Perfekte Schein. Sie wirkt als habe sie ihre Vergangenheit nicht verarbeitet, sondern sorgsam in einem Winkel ihrer Seele weggesperrt. Nach und nach zeigen sich auch bei ihr Ängste und eine gewisse innere Zerrissenheit.

Die beiden Charaktere von denen die Geschichte lebt sind authentisch, vielschichtig und der Autor schafft es perfekt die Verletzlichkeit hinter der Fassade in Worte zu fassen. Neben der Spannung war die Entwicklung von Nina und Joel,  und ihrer Verbindung zu einander, es für mich lesenswert gemacht. Vom aufeinander treffen wie zwei brodelnde Vulkane, über einen Ausbruch der lange überfällig war bis hin zu einem zarten Frieden.

Manche halten sie für einen Engel, andere für einen Dämon

Joels Mutter ist dement, sie erkennt nur in wenigen klaren Momenten ihren Sohn wieder. Für Joel ist es ein Grauen und eine psychische Anstrengung von großem Ausmaß. Doch das Grauen ist vielschichtig. Die Verfassung von Joels Mutter Monica wird im Laufe der Geschichte immer schlechter und neben der Krankheit macht sich in Joel der Gedanke breit, dass nicht nur die Krankheit seine Mutter in diesen Dämon verwandelt. Aber ist das eine natürliche Reaktion von Angehörigen auf die Krankheit, oder geht im Nebelfenn mehr vor sich, als er hätte ahnen können?

„Sie kann es nicht wissen. Niemand weiß es. „

Seite 114

Der Spannungsbogen ist so gut gemacht. Von Kapitel zu Kapitel schleicht sich die Spannung ein, wird bleischwer, man muss weiter und weiter Lesen, die Nerven liegen blank! Ich finde der Autor schafft es wahnsinnig gut mich, als seinen Leser, zu fesseln, neugierig zu machen und letztlich auch zu gruseln. Dadurch, dass die Geschichte in einem Seniorenheim mit einigen dementen älteren Bewohnern stattfindet, spielt der Autor mit dem irrationalen Verhalten der Kranken und vermischt dies mit einer Ahnung von Übernatürlichem, aber ist dies nur die Manifestation einer ansteckenden Panik, oder geht wirklich etwas Übernatürliches vor sich? Ich finde es klasse wie die Geschichte einen in Atem hält!

Das einzige was für mich an dem Buch etwas runder hätte sein können ist das Ende: der Epilog. Ich verrate nichts, aber manchmal ist es wirkungsvoller Fragen offen zu lassen… (so vage!)

Strandberg vs. King

Ich habe bewusst noch nicht das Internet durchforstet nach Meinungen über Strandberg oder den Vergleich des Verlags zu Stephen King, weil ich das Buch nicht durch Erwartungen für mich ruinieren wollte. Aber das war gar nicht nötig, denn „Das Heim“ hat mich wirklich überzeugt. Letztlich weiß ich nicht inwiefern diese Aussage gemünzt ist, aber im Endeffekt soll es wohl für den Erfolg des Autors stehen. Ich finde jedoch ist so ein Vergleich völlig aus der Luft gegriffen. Unter anderem habe ich „Die Arena“, „Brennen muss Salem“ und „Todesmarsch“ gelesen und kann hier keine konkrete Parallelen sehen. Wenn es jedoch darauf gemünzt ist, dass Strandberg so unglaublich schreibwütig ist wie King, dann immer her damit!

Fazit

„Das Heim“ hat mich gefesselt und gegruselt. Abends, als es dunkel war, musste ich es einmal weglegen, weil es so unheimlich war. (Möglicherweise bin ich auch empfindlich!) Mir hat an diesem Roman ganz besonders gefallen, dass der Autor mit wenig explizitem Horror sehr wirkungsvoll eine unheimliche Atmosphäre aufgebaut hat. Klare Leseempfehlung!

 

 

Details:

„Das Heim“ – Mats Strandberg

Fischer Tor Verlag – 24.10.2018

Paperback € 14,99

ISBN 978-3-596-70367-8

Verlagsseite →

„Das Heim“ bei Amazon →*

 

©alienicious 2019


Hinweise:

Das rezensierte Buch habe ich selber erworben.

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